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21.05.2012
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Gisela Purschke.

Gisela Purschke vor ihrem Wunsch-Weihnachtsbaum in ihrer Gaststätte im saterländischen Ramsloh.

Gastwirtin in Ramsloh organisiert jedes Jahr eine Geschenkaktion

Wo Stammgäste Wünsche erfüllen

Ramsloh. Sie ist Kinderkrankenschwester und wollte eigentlich niemals Wirtin werden. Aber nach einem Autounfall musste Gisela Purschke aus dem oldenburgischen Ramsloh ihren Beruf aufgeben. Sie übernahm die Kneipe ihrer verstorbenen Mutter und organisiert hier seit mehr als zwölf Jahren im Advent eine Geschenkaktion für Kinder und einsame Menschen.

Als Kind hat sie das immer gehasst. Wenn sonntags Bierdunst und Zigarrenqualm bis in Küche und Wohnzimmer zogen. Gisela Purschke verzieht das Gesicht. "Das war schlimm." Aber es gehörte für Wirtskinder wohl dazu. Genauso wie die späten Gäste, die nach dem Frühschoppen einfach nicht nach Hause fanden.

Sogar an Heiligabend drängelten sie sich ab mittags an der Theke. "Junggesellen, ohne Familie", erklärt Gisela Purschke. "Oft genug musste meine Mutter sie abends rauswerfen." Sie selbst ist damit aufgewachsen. Aber als Kind fand sie es immer fürchterlich. "Und für mich stand fest: Das will ich nicht!"

Gisela Purschke lächelt. Heute sitzt die 67-Jährige dennoch hinter ihrem  Tresen, vor sich den Zapfhahn. Sie zuckt mit den Schultern. "Jetzt mache ich das selbst auch schon 22 Jahre", sagt sie.

Mehr als zwei Jahrzehnte Ausschank, Gäste, Kochen. Mehr als zwei Jahrzehnte Geschichten von Menschen, die abends beim Bier ihr Herz ausschütten möchten.

"Oft genug ist man auch eine Art Beichtmutter", sagt sie und erzählt, wie sie anfangs die Sorgen ihrer Gäste mit nach Hause nahm. "Ich habe manchmal sogar nachts noch überlegt, ob ich dem einen oder anderen nicht irgendwie helfen könnte."

Sie wollte nie Wirtin werden

"Finchens kleine Kneipe" steht auf dem Hinweisschild am Haus. Ein weißer Putzbau am Ortsrand von Ramsloh. Saterland heißt die Gegend hier im Nordkreis Cloppenburg. Eine Handvoll Dörfer in karger Landschaft. Neuerdings kommen im Sommer immer mehr Rad-Touristen. Sie genießen die Weite und die Natur. Auch Gisela Purschke vermietet eine Ferienwohnung im Obergeschoss.

Der Schankraum bietet höchstens Platz für zwei, drei Tische. An der Wand hängt ein Mannschaftsfoto der Fußballer von Blau-Weiß Ramsloh. Auf einem Regal gegenüber reihen sich ein halbes Dutzend Siegerpokale aneinander. Zur Kneipen-Ausstattung gehört auch das Schild über der Tresenbank mit der Aufschrift: "Hier darf man lügen, bis sich die Balken biegen". Unter der Wanduhr hängt eine Kachel mit dem Bild der Ramsloher St.-Jakobus-Kirche. Darunter macht eine langbeinige Blondine auf einem Kalender Reklame für Kettensägen. Typisch Kneipe eben.

Aber warum wird man Wirtin, wenn man es eigentlich nicht will? Gisela Purschke lächelt. "Eigentlich bin ich ja Kinder-Krankenschwester", erklärt sie  und erzählt von ihrer Ausbildung in Osnabrück.

Heute noch ist sie ihrer Lehrerin dafür dankbar. "Sie sorgte dafür, dass wir nicht wie so viele andere Mädchen zum Arbeiten direkt in die Hosenfabrik gesteckt wurden, sondern was Richtiges lernten." In den Jahren um 1960 sei das längst noch nicht selbstverständlich gewesen.

Gisela Purschke absolvierte ihre Ausbildung bei den Thuiner Franziskanerinnen im Osnabrücker Kinderheim St. Johann, einem "Waisenhaus", wie es damals noch hieß. Bald 20 Jahre hat sie anschließend als Krankenschwester gearbeitet, im Meppener Hospital Ludmillenstift.

1983 dann der Bruch. Nach einem Unfall musste sie ihren Beruf aufgeben. Und stand vor der Frage: Was nun? Ein Jahr später, nach dem Tod ihrer Mutter, entschied sie sich, das zu tun, was sie nie wollte: Sie übernahm die elterliche Wirtschaft.

Den Absprung verpasst

"Anfangs mit dem Ziel, sie bald wieder zu verkaufen. Aber jetzt sind schon so viele Jahre daraus geworden. Ich habe wohl den Absprung verpasst", sagt sie. Es klingt fast wie eine Entschuldigung. Seither kommt sie jeden Donnerstag aus Meppen herüber, kümmert sich um Ausschank und Küche und fährt sonntags wieder zurück. Woche für Woche.

Und dann ist da noch die Sache mit den Kindern. Immer mal wieder blättert Gisela Purschke in ihren alten Fotoalben aus ihrer Zeit im Osnabrücker Kinderheim. Sie kannte all ihre Geschichten, ihre Einsamkeit, ihre Not. "Dann sehe ich die Bilder und denke: Was wohl aus ihnen geworden sein mag?"

Gerade in der  Adventszeit stand Gisela Purschke die Zeit im Heim immer wieder vor Augen. Zum Beispiel die Weihnachtsfeiern. "Wenn dann Gäste aus der feinen Gesellschaft von Osnabrück vorbeikamen. Die richteten jedes Jahr einen Abend für Kinder aus. Mit Geschenken." Sie erinnert sich noch lebhaft an die glänzenden Augen, wenn die Kleinen ihre Päckchen aufrissen.

In solchen Momenten sei langsam aber sicher in ihr der Wunsch gewachsen, etwas vom eigenen Glück weiterzugeben. "Ich hatte den Unfall überstanden. Meine drei Söhne waren gut versorgt. Das lief alles ganz gut. Und da wollte ich auch anderen etwas Gutes tun, am besten Kindern."

Gisela Purschke sagt: "Ich dachte damals: Irgendetwas muss man doch auf die Beine stellen. Wenn man heute in der Zeitung liest, dass in Deutschland 7.000 Kinder auf der Straße leben. Das kann doch alles nicht normal sein! Und bei uns in Ramsloh gibt es bestimmt auch Menschen, die Hilfe brauchen."

So fragte sie in der örtlichen St.-Jakobus-Gemeinde nach und fand Kontakt zu Schwester Juditha. Die Thuiner Franziskanerin arbeitet seit 22 Jahren in der Gemeinde-Seelsorge. "Sie kommt viel herum in Familien und weiß, wo die Not ist."

So entstand die Idee, die für die Stammgäste seit mehr als zwölf Jahren fest zum Programm ihrer Kneipe gehört. Und wie immer ab dem 1. Dezember steht auch jetzt wieder ein Weihnachtsbaum auf einem Tischchen im Schankraum. Das Besondere sind die aufgerollten Zettel, die Schwester Juditha daran aufgehängt hat.

"Auf jedem hat ein Kind seinen Vornamen und einen Weihnachtswunsch aufgemalt", erklärt Gisela Purschke.  Die hat Schwester Juditha in bedürftigen Familien, die sie kennt, gesammelt. "Und bis zum 19. Dezember können unsere Gäste einen Zettel mit nach Hause nehmen und einem Kind seinen  Wunsch erfüllen."

Zwischen 15 und maximal 20 Euro sollen sie ausgeben, alles nett verpacken und anschließend wieder unter den Baum legen. "Schwester Juditha sorgt dann kurz vor dem Fest dafür, dass die Päckchen pünktlich bei den Familien ankommen", erklärt die Wirtin. "Auf den Wunschzetteln steht nur ein gemaltes Bild mit dem, was die Kinder gern möchten. Und dazu der Vorname. Das ist völlig anonym. Nur Schwester Juditha weiß den Namen."

Über Weihnachten geschlossen

"Mittlerweile hängen wir auch Wunschzetteln von erwachsenen Menschen an den Baum", erzählt die Ordensfrau. "Von Menschen, die einsam sind und sich sicher freuen werden." Manche der Zettel schreibt die Thuiner Franziskanerin selbst. "Wenn ich die Leute  fragen würde, dann würden sie sagen: Das brauch ich nicht."

Mit ihrem Wunschbaum holt Gisela Purschke alle Jahre wieder den Advent in ihre Kneipe. Aber mit einer weihnachtlichen Tradition hat sie Schluss gemacht: "Über die Feiertage bleibt die Kneipe zu."

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Text: Michael Rottmann | Foto: Michael Rottmann in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
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