
Weihbischof Dieter Geerlings.
Weihnachtsgruß von Weihbischof Dieter Geerlings
Das Wunder der Sehnsucht
Region Coesfeld/Recklinghausen. 100 Tage! 100 Tage bin ich gerade einmal im Amt als Weihbischof mit besonderer Zuständigkeit für die Region der Kreisdekanate Coesfeld und Recklinghausen. 100 Tage – eine kurze Zeit, nichts Besonderes. Aber mit der Übernahme einer neuen Aufgabe hat diese Zahl für manche Menschen etwas Magisches, als werde es erst jetzt nach 100 Tagen richtig losgehen, als habe man noch in einer Art Schonzeit gelebt. Mag sein. Mir jedenfalls kommen die 100 Tage schon sehr dicht vor – mit vielen Begegnungen und Erfahrungen, wofür ich sehr dankbar bin. Genau an diesem 100. Tag erreichte mich die Frage, was ich mit Weihnachten verbinde im Hinblick auf einen Weihnachtsgruß für die Region. Gern!
Menschwerdung ist für mich das weihnachtliche Stichwort. Weihnachten ist das Fest der Menschwerdung Gottes. Es ist auch das Fest der Menschwerdung des Menschen. Sie ist ein lebenslanger Prozess. Wir sind schon Mensch und werden immer mehr Mensch, eine spannungsvolle Bewegung. Das Bemühen der Pastoral in Gottesdienst und Verkündigung, in Gespräch und Beratung, von Caritas und kirchlicher Verbandsarbeit ist immer wieder die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus mit der Menschwerdung des Menschen in Beziehung zu setzen, sie zu fördern – auf ganz unterschiedlichen Wegen. Mal ist das deutlich spürbar und mal kaum wahrnehmbar.
Für viele neue Erfahrungen in diesen 100 Tagen bin ich sehr dankbar. Ich denke an die vielen Firmungsgottesdienste mit dem Zeugnis junger Christen, die in ernster Auseinandersetzung, aber auch fröhlicher Jugendlichkeit einen Schritt zum erwachsenen Glauben hin tun. Mich beeindruckt das sehr, auch das begleitende Engagement der Seelsorgerinnen und Seelsorger mit den Katechetinnen und Katecheten, mit den Eltern. Ich hoffe, als Weihbischof diesem Bemühen um Menschwerdung junger Menschen gerecht werden zu können. Dankbar bin ich für den erlebten Dienst der Priester, Diakone, Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten, die ihren Dienst zuversichtlich tun trotz mancher Schwierigkeiten. Dankbar bin ich für die vielfältigen ehrenamtlichen Dienste in der Gemeinde, in den Gremien und Verbänden – auch wenn es nicht immer leicht ist, genügend Ehrenamtliche zu finden, die Verantwortung übernehmen möchten.
Ihnen allen möchte ich in diesem Gruß meine Wertschätzung und meinen Dank ausdrücken.
Viele Begegnungen aus diesen 100 Tagen zeigten mir das Bemühen von Menschen und Institutionen um die Menschwerdung des Menschen: im schulischen Bereich zum Beispiel in der Liebfrauenschule in Nottuln, in den Verbänden zum Beispiel das Kennenlernen der jahrelangen KAB-Kontakte nach Chile, in der Jugendarbeit beispielsweise beim Besuch des Regionalbüros in Dülmen und des Areopags in Recklinghausen, in der Caritas, bei den Ordensgemeinschaften wie in Lembeck, in der ethischen Fortbildung in der großen Polizeiausbildungsstätte in Selm-Bork, im zivilgesellschaftlichen Engagement wie in der Dreikönigs-Stiftung in Lünen, in Gesprächen mit Repräsentanten unterschiedlicher kommunalpolitischer Ebenen in der Region und vieles mehr.
Solches als Regionalbischof erfahren zu dürfen, gibt Zuversicht, auch aus der Begegnung mit den muttersprachlichen Gemeinden in unserem Bistum, für die ich der bischöfliche Beauftragte bin. Die muttersprachlichen Gemeinden, ihre Seelsorgerinnen und Seelsorger, erlebe ich als eine Bereicherung für unsere Diözese.
Natürlich ist in den 100-tägigen Erfahrungen auch eine andere Seite deutlich zu spüren: wie sehr Gemeinden, Kirchen und Christentum auch in unserem Bereich im Moment schwächeln. Die Folgen davon werden oft sehr schmerzlich erfahren: beispielsweise in den pfarrgemeindlichen Neu-Strukturierungsprozessen. Wie können Strukturen – zudem noch bei all den Änderungen in unserer Gesellschaft – so angelegt werden, dass sie der Menschwerdung des Menschen dienen?
Es ist klar, dass es hierbei Auseinandersetzungen gibt um den richtigen Weg, um die angemessene Struktur und vieles mehr. Außerdem: jahrzehntelang aufgeschobene Fragen, die die so genannte kirchliche Disziplin betreffen, laufen in diesem Prozess mehr oder weniger mit. Solche Fragen müssen ihren angemessenen Ort bekommen.
Dass die Menschwerdung des Menschen bewusst blockiert und verhindert wird, ist für mich zum Beispiel deutlich an Zwangsabschiebungen von Flüchtlingen in den Kosovo. Die Abgeschobenen haben dort absolut keine Perspektive. In der Vergangenheit wurden jugendliche Roma zum Beispiel abgeschoben, die hier geboren sind, Deutsch als ihre Muttersprache sprechen, kein Serbisch oder Albanisch sprechen.
Abgesehen von der gravierenden Verletzung der Menschenrechte ist die Abschiebung politisch dumm, wenn man nur an die demographische Entwicklung bei uns denkt mit den zukünftigen Problemen. Das Land Nordrhein-Westfalen hat die Abschiebung für Roma bis zum 31. März 2011 ausgesetzt. Es ist zu wünschen, dass sie für immer ausgesetzt wird.
Eigenartig sind auch immer wieder zu vernehmende Äußerungen, dass Integration gescheitert sei. Oder es ist die Rede von einer großen Zahl von Integrationsverweigerern. Verlässliche Belege hierfür fehlen. Es ist gut, wenn wir Integration als eine gemeinsame Aufgabe aller gesellschaftlichen Gruppen verstehen; natürlich auch der Migranten, damit wir ein Zusammenleben in Frieden bei uns gestalten können. Das hat enorm mit dem zu tun, was wir Christen an Weihnachten feiern. "Als Christus geboren wurde, verkündeten Engel den Frieden auf Erden", heißt es beim Friedensgruß in der Eucharistiefeier der Weihnachtszeit. Diese Gabe ist Aufgabe.
Das weihnachtliche Stichwort Menschwerdung eröffnet also ganz unterschiedliche Perspektiven. Wenn ich über die bisherigen Zeilen meines Weihnachtsgrußes blicke, merke ich, was alles noch hätte genannt werden können. Der Gruß enthält also nur Fragmente aus diesen 100 Tagen, nur einige Erfahrungen. Von daher kommt dann noch ein anderer Gedanke: Das Bemühen um Menschwerdung des Menschen bedeutet auch, dass wir uns selbst in unserer Bruchstückhaftigkeit lieben lernen. Es ist wichtig, dass man auch jene Teile seines Menschseins annehmen kann, die noch auf Vollendung warten. "Es ist weniger die Erfahrung von Erfolg und Stärke, die unseren Wert als Mensch ausmacht, als vielmehr die beständige Sehnsucht, die es zu bilden, auszurichten und wach zu halten gilt: die Sehnsucht nach Gott, der Quelle und Vollendung unserer Menschwerdung ist." (Manfred Kollig)
Sehnsucht ist ein anderes weihnachtliches Stichwort. Unsere menschliche Sehnsucht ist wohl ein Wunder. Sehnsüchte sind nicht unser Werk. Jemand hat sie einmal bezeichnet als Erinnerungen Gottes in uns an das, was er träumte, als er seine Schöpfung und in ihr die Geschichte der Menschen wollte.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich diese weihnachtliche Sehnsucht nicht austreiben lassen, weil sie angeblich so realitätsfern sei. Eine tiefere Realität als Weihnachten gibt es nicht: Gott wird Mensch. Er will es immer wieder in Ihnen und mir, in allen Menschen werden. So wünsche ich Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes Weihnachtsfest, ein gesegnetes Fest der Menschwerdung Gottes.
+ Dieter Geerlings, Weihbischof
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