
Viel Grün, viel Landwirtschaft und wenig Häuser – so zeigt sich das Hägertal vom Vorbergshügel aus.
Serie "Sommer-Reporter": Gerti Stegemann aus Nienberge-Häger
Die Menschen machen das gute Gefühl
Münster-Nienberge-Häger. Sie wollte eigentlich gar nicht hierher. Als sich Gerti Stegemann und ihr Mann vor etwa 28 Jahren ein Baugrundstück suchten, war der kleine Ort Häger bei Münster-Nienberge nicht unbedingt ihre erste Wahl. "Ich habe mich gesträubt, weil ich mich schon als 'Taxifahrerin' für meine zwei Kinder sah, die ich ständig irgendwohin bringen sollte." Zu weit ab von allen wichtigen Einrichtungen für das tägliche Leben lag der 800-Seelen-Ort an der Verbindungsstraße zwischen Nienberge und Greven. Im Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte weiß die heute 67-Jährige, dass sie damals nicht ganz Unrecht hatte. Bereut haben ihr Mann und sie ihren Entschluss, in Häger zu bauen, aber bis heute nicht.
Entscheidend für das "gute Gefühl in Häger" seien die Menschen, sagt sie: "Die Nachbarschaft ist enorm wichtig." Ohne Fahrgemeinschaften, gegenseitige Unterstützung etwa bei der Betreuung der Kinder oder gemeinsame Freizeitgestaltung wäre der Alltag in Häger ein ganzes Stück schwerer. "Als wir hierher kamen, bauten viele – wir hatten alle etwa das gleiche Alter und jede Menge Kinder in direkter Umgebung." Aus einigen Kontakten seien langjährige Freundschaften geworden. "Die Nachbarschaft gibt richtigen Halt."
Nienberge-Häger im Nord-Westen von Münster. |
Beispiele dafür kennt sie viele. Als sie neulich einmal mit dem Auto liegen blieb, klingelte sie beim Nachbarn. "Ich hatte mein Pech kaum ausgesprochen, da fragte er mich, welches seiner Auto ich mir leihen wolle."
Wenn man wie sie etwas ab vom Leben in der Stadt wohne, rücke man mehr zusammen, schätzt sie. Und das nicht nur bei Problemen: "Nein, wir treffen uns auch, um für runde Geburtstage in der Nachbarschaft Lieder zu üben und Theaterstücke zu proben."
Die schweren Zeiten gehören natürlich auch dazu. Und genau dann zeige sich, wie sehr man an der Seite seiner Nachbarn stehe. "Als meine Schwiegermutter lange krank war und starb, haben wir viel Hilfe von allen Seiten erlebt." Auch ein Nachbarschafts-Gebet in der Nienberger St.-Sebastian-Kirche wurde damals organisiert. "Es tut gut, wenn man weiß, dass einen so viele Menschen in diesen Augenblicken stützen."
Eine wichtige Rolle spiele der Schützenverein St. Aloysius, der das Leben in Häger an vielen Stellen bereichere. "Nicht nur bei den Schützenfesten, sondern das ganze Jahr über." Er baut und pflegt Freizeiteinrichtungen und bietet Aktivitäten für alle Generationen an. Weitere Schützen- und Sportvereine engagieren sich. "Was in Häger nicht ganz unwichtig ist", weiß Stegemann. "Denn die Infrastruktur des Orts ist in den vergangenen Jahren immer weiter geschrumpft." Als sie herzog, gab es noch ein Lebensmittelgeschäft und eine Kneipe. "Dort holte ich mir nicht nur Brötchen, sondern auch alle Neuigkeiten aus dem Ort." Später musste sie dafür nach Nienberge fahren. "Einige Kilometer, oft mit dem Fahrrad, dabei den Vorbergshügel rauf – da überlegst du dir zwei Mal, was du alles im Kühlschrank brauchst."
Gerti Stegemann. |
Es sind aber auch viele einzelne Situationen und Begegnungen, die ihrem Leben in Häger in den vielen Jahren das gute Gefühl gegeben haben. Etwa der Schulbusfahrer "Hansi", der die Grundschulkinder des Orts jeden Morgen in die "Häger-Klasse" nach Nienberge gefahren habe. "Hast du heute nicht Sportunterricht", habe er die Kinder gefragt und dann gewartet, bis sie ihren Turnbeutel von daheim geholt hätten. "Er nahm dafür in Kauf, zu spät zur Schule zu kommen", erinnert sie sich. "Dafür haben ihn die Kinder geliebt."
Ihre zwei Kinder sind mittlerweile ausgezogen, gerade ihr Sohn ist ein echter Weltenbummler mit Lebensstationen in China und Schweden geworden. "Aber er sagt bei seinen Besuchen immer noch, dass Häger der schönste Ort ist und sie keine bessere Kindheit hätten erleben können."
Eine besondere Gemeinschaft habe sie von Anfang an in der Kirchengemeinde erlebt. Auch wenn die Pfarrkirche St. Sebastian fünf Kilometer entfernt liegt, hinter dem Vorbergshügel. "Es gab keine Grüppchenbildung, als wir zum Sonntagsgottesdienst gingen", erinnert sie sich gern an die Unterhaltungen auf dem Kirchplatz. "Wir waren sofort im Gespräch mit vielen aus der Gemeinde." Und der Pfarrer habe zur guten Atmosphäre beigetragen, auch weil er die Gemeinschaft mitformte: "Da ist jemand zugezogen – ich glaube, ihr könntet euch gut verstehen", habe er eine andere Frau auf Gerti Stegemann aufmerksam gemacht. Sie nahm Kontakt zu ihr auf, holte sie in den Familienkreis und ist heute noch eine gute Freundin von ihr.
An der Durchgangsstraße von Häger werden die Menschen begrüßt. |
Das Gefühl, zu dieser Gemeinde zu gehören, sei von Beginn an so stark gewesen, dass sich Stegemann nach und nach immer mehr einbrachte. Sie war im Pfarrgemeinderat und im Kirchenvorstand, ließ sich fortbilden, um in der Kommunionvorbereitung aktiv zu werden und legte schließlich einen besonderen Schwerpunkt auf die soziale Arbeit. Sie war durch den Begriff "Neue Armut" aufmerksam geworden: "Sollte es so etwas auch in unserem Ort geben, wo die Häuser schön und die Gärten groß sind?"
In ihrer zehnjährigen ehrenamtlichen Arbeit im ökumenischen Sozialbüro habe sie erfahren können, wie wichtig so ein Engagement auch in Nienberge und Häger sei. "Die heile Welt, wie sie von außen manchmal vermutet wird, ist das auch hier nicht."
Sie habe ihren Einsatz immer mehr als Geschenk denn als Pflicht empfunden. "Ich bringe mich mit meinen Empfindungen ein und erlebe im Kontakt mit den Hilfe suchenden Menschen als eine Bereicherung für meinen Horizont."
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Text: Michael Bönte | Fotos: Michael Bönte | Grafik: Michael Bönte in
Kirche+Leben
27.10.2010
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