
Für die Rasenflächen: Wilhelm Clever (links) und Heinrich Appelhoff mit dem pfarreieigenen Aufsitzmäher.
Der "Anlagenklub" in Recklinghausen-Essel
Die nach dem Grünen sehen
Recklinghausen-Essel. "Das können wir doch auch selbst." Mit dieser Erkenntnis, sagt Wilhelm Clever, hat alles angefangen. Wann, das weiß selbst der 84-Jährige nicht mehr, der in Recklinghausen-Essel als lebendes Lexikon der Pfarrgeschichte gilt: "Irgendwann Anfang der 80er Jahre." Seitdem bestehen also "Die Grünen" – und zwar nicht nur bundesweit als politische Partei, sondern auch als Gruppe von Ehrenamtlichen rund um die Heilig-Geist-Kirche im Recklinghäuser Nordosten.
Dort machen sie allerdings keine Politik, sondern höchstens Kompost. Denn hinter den Esseler "Grünen" – die wegen des Aufstiegs der Partei seit knapp 25 Jahren "Anlagenklub" heißen – verbergen sich Hobbygärtner, die ehrenamtlich die Grünanlagen rund um die Esseler Kirche pflegen.
Ein paar Jahre hatte das der Schwiegervater des Pastoralreferenten Willi Riemer getan. Der musste später kürzer treten, sodass die Heilig-Geist-Gemeinde – schon seit 1974 ohne eigenen Pfarrer und heute Teil der St.-Johannes-Pfarrei Recklinghausen-Suderwich – beim Diakonischen Werk fragte, ob es die Pflege der Anlagen übernehmen wolle. Das Angebot aber war den Esselern zu teuer. Und so griffen Ehrenamtliche zu Harke und Heckenschere.
Recklinghausen-Essel. |
Drei Gruppen gab es anfangs, die alle 14 Tage im Wechsel an der Reihe waren: Rasen mähen, Sträucher und Hecken schneiden, nach dem Parkplatz sehen, sich um die Obstbäume am Pfarrhaus kümmern. "Wir haben da Schubkarren voll Fallobst aufgelesen", erinnert sich Clever. Schade um die Früchte, findet Heinrich Appelhoff, einer von Clevers Mitstreitern. "Aber wir hatten alle selbst Obstbäume im Garten."
Heute sind es noch sieben Männer, die alle zwei Wochen nach dem Grünen sehen. Der Jüngste ist Mitte 60, Wilhelm Clever ist mit 84 Jahren der Senior. "Aber sie kommen alle", sagt er. "Immer." Und wenn mal einer keine Zeit habe, dann arbeite er vor, zum Beispiel auf dem Aufsitz-Rasenmäher.
Inzwischen sind alle Esseler Gärtner Rentner. Das hat die Organisation vereinfacht. "Zwei oder drei von uns treffen sich mittwochs in Heilig Geist in der Frühmesse und gucken, ob etwas zu tun ist", erzählt Heinrich Appelhoff. Wenn ja, geht es um zehn Uhr los.
Auch wenn die Obstbäume inzwischen gefällt worden sind und von den Linden neben der Kirche nur noch eine steht: Für anderthalb Stunden gebe es immer Arbeit, sagt Wilhelm Clever. Mindestens.
Dachrinne und Rasenkante
Jeder habe seine Aufgabe. Einer zum Beispiel widme sich mit Hingabe den Rasenkanten. Heinrich Appelhoff steigt von Zeit zu Zeit acht Meter in die Höhe, um die Dachrinne am Kirchenschiff zu säubern. "Das mache ich nicht so gern", sagt er – aber schmunzelt. "Gott sei Dank sind wir über die Pfarrgemeinde unfallversichert." Passiert ist bisher nie etwas.
Früher, das geben Clever und Appelhoff zu, war mehr zu tun. Noch bis zur Fusion mit den Suderwichern gehörte ein Gemeindehaus zu Heilig Geist. Ab 1921 diente es als hölzerne "Notkirche", die wegen eines Kurzschlusses 1952 ausbrannte. Ein Jahr später wurde der steinerne Kirchneubau direkt an der Esseler Straße geweiht. Die bisherige Kirche wurde zum Jugendheim umgebaut. Und diesen Namen behielt das Gebäude auch, als es faktisch längst als Gemeindehaus diente.
Die Esseler Kirche – hier durchs Grün von hinten gesehen. |
"Wir sind von Zeit zu Zeit durchs Haus gegangen", sagt Clever. "Da ist ja immer etwas zu tun." Auch bei Umbauten von Pfarrhaus und Jugendheim packten der "Anlagenklub" und andere Aktive mit an. Bei Malerarbeiten in der Orgel-Nische neben dem Altar in Heilig Geist griffen die Gärtner auch zu Pinsel und Farbeimer.
Nach der Pfarreifusion 2004 wurde das Jugendheim für einen symbolischen Euro an Bürgerschützengilde und Heimatverein Essel verkauft, die es heute als "Dorfhaus" betreiben. Kirchliche Gruppen nutzen es weiter als Treffpunkt, die Instandhaltung liegt aber nun in anderen Händen. Für den "Anlagenklub" bleiben die großen Grünflächen an der Kirche.
Eine Aufwandsentschädigung bekommen die fleißigen Helfer heute zwar nicht mehr. Die Pfarrgemeinde tritt allerdings als Sponsor auf, wenn die Gärtner sich selbst belohnen: "Einmal im Jahr fahren wir eine Woche lang gemeinsam weg", erzählt Wilhelm Clever. Dann trage die Gemeinde die Benzinkosten für die Kleinbusse.
Natürlich sind auf diesen Touren auch die Frauen der sieben Senioren dabei. Auch der Kontakt zu den früher im "Anlagenklub" Aktiven reißt nicht ab: "Solange er das noch konnte, haben wir auch einen Ehemaligen mitgenommen, der inzwischen im Rollstuhl sitzt", sagt Heinrich Appelhoff.
Als Ziel infrage kommen alle Regionen, die die Esseler in einer vernünftigen Zeit per Kleinbus erreichen können. In diesem Jahr waren sie in Jauernick in der Oberlausitz, mit Abstechern nach Dresden und zur Zisterzienserinnenabtei St. Marienthal. Auch Auslandsreisen gab es schon, zum Beispiel ins Tessin oder in die Normandie.
Ans Aufhören denken die Männer vom "Anlagenklub" nicht. "Das hat einfach was, sich für unsere Gemeinde zu engagieren", sagt Heinrich Appelhoff, der auch im Kirchenvorstand sitzt. Der Zusammenhalt der Gärtner sei "sowieso" gut, da seien über die Jahre Freundschaften entstanden.
Auch der 84-jährige Wilhelm Clever will weitermachen. Für Essel, wo er seit 1936 lebt: "Das ist Heimat hier."
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Text: Jens Joest | Fotos: Jens Joest | Grafik: Michael Bönte in
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