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17.05.2012
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Oldenkott.

Grenze direkt im Ort: Oldenkott ist Deutschland und Holland.

Serie "Sommer-Reporter": Gerhard Derking aus Oldenkott

Ein Miteinander ohne Grenzen

Vreden-Oldenkott. Nein, die Zeit ist auch hier nicht stehen geblieben. Vielleicht waren die Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte in Oldenkott sogar spürbarer als in anderen Orten. Denn das Dorf liegt in der Nähe von Vreden genau auf der deutsch-niederländischen Grenze. Der Schlagbaum der Grenzer, der früher quer über der großen Straße lag, ist heute nur noch als kleines Denkmal zu finden. Im Verhältnis zu den holländischen Nachbarn hat sich viel getan, die Bewegungsfreiheit der Menschen ist heute nicht mehr eingeschränkt. Und dennoch scheint im Ort einiges dieser alten Zeit spürbar zu sein: Nicht das Gefühl des Andersseins oder der Feindschaft. Vielmehr ein Gefühl des Miteinanders, das sich nur unter solchen Gegebenheiten entwickeln kann.

Wenn Gerhard Derking von den alten Zeiten erzählt, ist das spürbar. Der 74-jährige Landwirt lebt seit Kindesbeinen auf einem Hof, der nur einen Katzensprung von der "grünen Grenze" entfernt liegt. Vielleicht wird in der Geschichte von seiner Erstkommunion das Lebensgefühl Oldenkotts besonders deutlich: "Ich sollte den Kommunionanzug meiner großen Brüder anziehen", erinnert er sich. Weil er aber erst acht Jahre alt war, sei dieser viel zu groß gewesen, woraufhin er seiner Mutter sagte, dass er nur mit einem neuen Anzug das Sakrament empfangen wollte. "Meine Mutter entgegnete, es sei kein Speck mehr da, mit dem sie das finanzieren könne."

Oldenkott liegt direkt auf der Grenze zu den Niederlanden.

Derking half sich selbst, wie so oft als kleiner Junge. "Ich war ein richtiger Flegel." Das Schmuggeln über die "grüne Grenze" beherrschte er perfekt. "Ich konnte auch im Dunkeln den Weg zu unseren Ställen finden, wo es so viele Verstecke gab, dass mich die Grenzer nie fanden." Also besorgte er zwei Pfund Kaffee aus den Niederlanden, die dort nur fünf Mark kosteten, in Deutschland aber 20 Mark brachten. "Am nächsten Tag kam die fahrende Schneiderin vorbei, und ich erstand mit meinem Kaffee einen neuen Anzug."

Nicht selten hört man ein "... das waren noch Zeiten ..." bei seinen Berichten. Zeiten, die hart waren, welche die Menschen auf beiden Seiten der Grenze aber auch zusammenrücken ließen. "Als Kind und junger Mann war ich oft drüben und habe bei den niederländischen Bauern geholfen." Wenn er dann mit einer Tüte Gebäck als Lohn an den heimischen Tisch zurückkehrte, sei die Freude immer groß gewesen. Auch später habe man sich als Nachbarn auf beiden Seiten der Grenze nie im Stich gelassen. Sein handwerkliches Geschick, besonders als Maurer, war immer gefragt.

Auch das Leben in der Pfarrgemeinde war "grenzenlos". "Wir hatten und haben immer auch Niederländer in unserer St.-Antonius-Kirche." Natürlich hat man schon lange keinen eigenen Pfarrer mehr. Man gehört längst zur Kommunalgemeinde Vreden. "Aber eine heilige Messe am Sonntag gibt es hier immer noch", sagt Derking stolz. "Für 63 Haushalte mit etwa 200 Einwohnern ist das schon was." Er selbst brachte sich in vielen Funktionen in die Gemeindearbeit ein, war Vorsitzender der Katholischen Landjugend, Mitglied im Pfarrgemeinderat und im Kirchenvorstand. Heute besetzt er keinen offiziellen Posten mehr, aber "viele inoffizielle", wie er sagt. "Wenn mal die Hecke an der Kirche geschnitten oder der Friedhof aufgeräumt werden muss, helfe ich mit."

Glücklich auf seinem Hof: Gerhard Derking.

Denn der Landwirt weiß genau, wie wichtig diese Nähe zur Kirche in seinem Leben immer war. "Hätte ich sie nicht gehabt, hätte ich meinen Weg nicht so meistern können." Besonders in seinen "ganz schweren Tagen", an die er sich noch gut erinnert: "Ich hatte viele Jahre schwere Depressionen." Es waren Zeiten, in denen er sich kaum aufraffen konnte, die alltägliche Arbeit auf dem Hof zu erledigen. Nicht selten habe er in der Wohnstube unter dem Marienbild gestanden, während seine Familie das Vieh versorgte oder auf dem Feld war. "Wenn ich wieder gesund werde", habe er der Mutter Gottes geschworen, "dann tue ich jedem Menschen den Gefallen, nach den er mich fragt."

Heute ist er wieder gesund. Und seine Hilfsbereitschaft ist in Oldenkott seither bekannt. Als er dann nach dem Tod seiner Frau vor fünf Jahren zum ersten Mal zu einer größeren Pilgerreise nach Israel aufbrach, war das für ihn im Blick auf sein Leben noch einmal eine  intensive Zeit. "Ich bin sehr bibelfest, und die biblischen Orte haben mich sehr angerührt." Im Garten Getsemani am Ölberg, wo Jesus in der Nacht vor seiner Hinrichtung betete, bevor er verhaftet wurde, habe er sich an sein tiefes Gefühl der Einsamkeit in seiner Depression erinnert. "Ich lag Nächte lang wach, während alle anderen schlafen konnten." Inmitten von alten Olivenbäumen erzählte er seine Kranken-Geschichte, die letztlich ein gutes Ende fand, den gerührten Mitpilgern.

In der Wohnstube von Gerhard Derking hängt ein Spruch, der wie ein Leitwort für sein Leben klingt: "Zwei Lebensstützen brechen – nie Gebet und Arbeit heißen sie." Das Beten hat er nie aufgegeben, weil er immer spürte, wie es ihm Kraft gab. "Ich bete heute noch auf dem Feld den Engel des Herrn, wenn die Glocken läuten." Das Arbeiten hat er nie aufgegeben, weil er merkte, wie gut es ihm tat und wie es ihn mit anderen Menschen verband. Ein Mitei-nander in Oldenkott, das ihm wichtig ist, das er pflegt und das ihn trägt. Das hat er auch auf der Fusionsfeier der vielen Gemeinden in und um Vreden im Jahr 2007 deutlich gemacht, als noch viele Zweifel und Vorbehalte im Raum standen. "Ich bin in meinem Leben immer für das Miteinander gewesen", waren seine ersten Worte, nachdem er aufgestanden war, um sich ans Mikrofon zu stellen. "Wenn wir alle dieses Miteinander suchen, dann werden wir das Gegeneinander nicht finden."

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Text: Michael Bönte | Fotos: Michael Bönte | Grafik: Michael Bönte in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
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