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11.02.2012
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Stiftskirche.

Mittelpunkt des Orts ist die Stiftskirche.

Am 9. Mai feiern die Menschen in Freckenhorst Krüßing

Für manche ist es "ein Stück Himmel"

Warendorf-Freckenhorst. Seit mehr als 1.000 Jahren verehren Gläubige in Warendorf-Freckenhorst ein Heiliges Kreuz, in dessen Corpus ein Splitter vom Kreuz Christi aufbewahrt wird. Jährlicher Höhepunkt ist das Heimatfest "Krüßing", das in der Kreuztracht durch den geschmückten Ort und einem feierlichen Gottesdienst in der Stiftskirche gipfelt. – Am Sonntag (09.05.2010) kommt Bischof Felix Genn zu diesem Fest nach Freckenhorst.

"Krüßing" kommt vom mittelalterlichen "krützen", auf Plattdeutsch heißt es "krüs". Gefeiert wird am 3. Mai oder – falls das Datum auf einen Wochentag fällt – am Sonntag darauf. Dementsprechend ist Krüßing in diesem Jahr am 9. Mai. Morgens findet ein Gottesdienst in der Stiftskirche statt. Nachmittags gibt es rund um die Kirche ein buntes Programm für Familien. Auf dem Marktplatz ist Kirmes.

Kreuz im byzantinischen Stil

Auf Giebeln und Grabsteinen ist das Motiv zu sehen. Fahnen und Fensterbilder greifen es auf, Taufkerzen und Todesanzeigen ebenfalls. Die örtliche Kreuzapotheke führt es in ihrem Firmenschild. Bildstöcke zeigen es. Mädchen und Frauen tragen es als Anhänger um den Hals, der Präsident des Schützenvereins auf seinem Brustschild. Im Warendorfer Stadtteil Freckenhorst ist das Heilige Kreuz überall präsent. Zwei Besonderheiten zeichnen es aus: zum einen die Gestaltung als gleichschenkliges Kreuz.

Das ist byzantinischer Stil. Zum anderen ist das Freckenhorster Kreuz neben dem in Stromberg das einzige in Westfalen, das einen Splitter des "Siegeszeichens von Golgota" in sich trägt. An Krüßing gedenken die Gläubigen der Wiederentdeckung des Herrenkreuzes. Der Termin ist sorgfältig gewählt: Unter dem 3. Mai verzeichnete der liturgische Kalender früher das so genannte Kreuzauffindungsfest.

Altes Damenstift

Verloren gegangen und wieder entdeckt wurde der Legende nach aber auch das Freckenhorster Kreuz selbst. Es gilt als Geschenk Gottes an das 854 in Freckenhorst gegründete Damenstift. Erste Äbtissin war Thiatildis. Mit der Kreuzesreliquie glaubte sie den Bestand des Klosters auf immer gesichert. Doch der Bruder der frommen Frau raubte das Kreuz. Aus Gram darüber verstarb Thiatildis. Der Bruder bereute seinen Frevel und zog mit dem Kreuz nach Livland (heute Estland und Lettland), von wo es später auf Umwegen wieder nach Freckenhorst zurückkam. So weit die Legende.

Wann das Kreuz nach Freckenhorst (zurück-)kam und ob und wann es vorher von dort verschwunden war, lässt sich historisch nicht eindeutig belegen. Unstrittig aber ist, dass die Kreuzverehrung in Freckenhorst schon vor mehr als 1000 Jahren ihren Anfang nahm. Darauf verweisen unter anderem Annalen aus Xanten, die 860 als das Jahr nennen, in dem die Reliquie von Rom nach Freckenhorst kam. Weitere Hinweise liefert eine Urkunde Bischof Erphos von Münster aus dem Jahr 1090. Darin wird der Hauptaltar der Stiftskirche als Kreuzaltar bezeichnet und das Kreuzauffindungsfest als herausgehobenes Fest im Jahresverlauf.

Ziel auswärtiger Gläubiger

Indizien für eine frühe Kreuzverehrung in Freckenhorst liefert auch der 1129 fertig gestellte romanische Taufstein der Stiftskirche. In seinem Christi-Himmelfahrts-Bild ist ein gleichschenkliges Kreuz zu sehen – wie nirgendwo sonst in dieser Zeit. Belege für eine frühe Kreuzverehrung in Freckenhorst liefern auch die "Miraculi S. Liudgeri" von 1185, die von Wallfahrten nach Freckenhorst berichten. Zunächst stammten die meisten Pilger aus der näheren Umgebung. Im Laufe der Zeit wurde das Kreuz aber zunehmend auch Ziel auswärtiger Gläubiger. Sogar vom Kyffhäuser in Thüringen stammten manche.

Nach der Zeit der Äbtissin Kunigundis von der Lippe, die 1219 starb, ist eine starke Zunahme der Kreuzverehrung in Freckenhorst zu verzeichnen. Das schlug sich unter anderem in zahlreichen Schenkungen von Grundstücken, zweckgebundenen Renten sowie von Votivgaben aus Gold und Silber nieder. Einfache Leuten gaben Naturalien: Flachs, Käse und Eier. Dafür erhofften sie sich Linderung bei den unterschiedlichsten Leiden. Ablässe konnten erworben werden. Verwaltet wurde das wachsende Vermögen von einem neu gegründeten Kreuzamt mit zwei Stiftsdamen an der Spitze.

Einbruch mit der Reformation

Mit der Reformation und dem 30-jährigen Krieg kam der Bruch. 1556 unterband die den Wiedertäufern nahe stehende Äbtissin Agnes von Limburg-Styrum die Prozession. Schenkungen und Stiftungen blieben aus. In den Wirren der Zeit ging das Kreuz verloren. Erst in der Amtzeit der Äbtissin Claudia Seraphia von Wolkenstein (1645 bis 1688) blühte die Kreuzverehrung in Freckenhorst wieder auf. Mit Unterstützung von Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen stiftete die Stifsdame die Krüßing-Kreuztracht in der bis heute erhaltenen Form. An die Stelle des ursprünglichen Kreuzes trat eine Nachbildung, die 1743 auch eine neue Reliquie erhielt.

1812 wurde das Stift in Freckenhorst aufgelöst und das Kirchenvermögen vom Staat eingezogen. Die Stiftskirche wurde Pfarrkirche. Erster Dechant der neuen Bonifatius-Gemeinde war Apollinaris Sammelmann, der wie seine Nachfolger die Krüßing-Tradition fortsetzte. Nur eins fehlte im Hochamt: der feierliche Choral der Schwestern. Deshalb wurde 1872 der Kirchenchor gegründet.

Glanzvolle, orchesterbegleitete Messen

Zehn Jahre später trat der erste hauptamtliche Chorleiter und Organist Franz Lenz seinen Dienst an. Der ehemalige Militärmusiker legte den Grundstein zu den glanzvollen, orchesterbegleiteten Messen, die zum Markenzeichen von Krüßing wurden. 1907 erklang im Festgottesdienst erstmals die "Missa in honorem Sancti Petri" von Josef Gruber für vierstimmig gemischten Chor und Orchester.

Es spielte die münstersche Militärkapelle, bis die Nazis 1939 deren Mitwirkung bei kirchlichen Feiern verboten. 1944 fielen bei der Prozession Bomben. Die Menschen flüchteten in die Kirche. Auch sonst hinterließ der Krieg seine Spuren: 28 der 40 Sänger des Kirchenchors waren eingezogen. Drei Jahre später vergriffen sich Einbrecher am Kreuz, konnten aber nichts entwenden, weil sie gestört wurden.

Prozession durch die geschmückte Innenstadt

Ein Meilenstein in der Nachkriegszeit war das Jahr 1958, in dem der früher im Fuß aufbewahrte Partikel vom Kreuz Christi in der Mitte des Freckenhorster Kreuzes platziert wurde. Außerdem stellte man das Kreuz an den Stufen zum Hochaltar auf, um es näher ins Blickfeld der Gläubigen zu rücken. Veränderungen gab es auch im Hochamt, in dem nicht mehr nur Messen von Gruber, sondern auch Werke anderer berühmter Komponisten gesungen wurden.

Höhepunkt jedes Krüßing-Fests aber ist und bleibt die Prozession durch die schön geschmückte Innenstadt. Sie führt vorbei an vier Altären, an denen Jugendliche vor Erteilung des Segens böllern. Mit historischen Glocken, die die Äbtissin Claudia Seraphia von Wolkenstein 1646 gestiftet hatte, wird Krüßing Jahr für Jahr dreistündig eingeläutet. Fahnen und Kränze schmücken die Kirche, frisches Grün, Wimpel, Blumen und Bildnisse vom Kreuz Christi die Straßen und Schaufenster. 2007 kam ein buntes Nachmittagsprogramm hinzu.

"Ein Stück Himmel"

Das Krüßing-Fest von heute hat viele Gesichter. Kulturgut und Glaubenszeugnis zugleich, ist das Fest ein Paradebeispiel lebendiger Tradition im Münsterland ähnlich wie Maria Himmelfahrt in Warendorf. Ein Tag der Freude für viele, und für manche gar "ein Stück Himmel", wie Alt-Sakristan Clemens Averhoff es nannte. Zahlreiche Gemeindemitglieder tragen zum Gelingen des Fests bei. Das dokumentierte im vergangenen Jahr eine umfangreiche Ausstellung von Hubert Eusterbrock und Franz Josef Risse, die einen weiten Bogen schlug von den Anfängen des Fests im Mittelalter bis in die Gegenwart.

Mehr zum Thema in kirchensite.de:

  1. Öffnet internen Link im aktuellen FensterBistumshandbuch: Freckenhorst (Wallfahrtsort im Bistum)
  2. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDossier: Wallfahrt

Text: Marita Galka | Foto: Michael Bönte
06.05.2010

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