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27.09.2016
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Stunde der Krise und große Chance.

Der Skandal um sexuellen Missbrauch im Raum der Kirche war auch Thema an der Universität Münster.

Münstersche Theologie-Professoren diskutieren über Missbrauch

"Stunde der Krise und große Chance"

Münster. Sechs Professoren der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster haben die Theologie aufgefordert, nicht länger zum Skandal um sexuellen Missbrauch in der Kirche zu schweigen. Zugleich begrüßten Antonio Autiero (Moraltheologie), Reinhard Feiter (Pastoraltheologie), Marianne Heimbach-Steins (Sozialethik), Judith Könemann (Religionspädagogik), Thomas Schüller (Kirchenrecht) und Marie-Theres Wacker (Theologische Frauenforschung) am Montag (03.05.2010) den Mentalitätswandel und die Wende hin zu den Opfern. "Das ist eine Stunde der Krise in Gesellschaft und Kirche, aber auch eine große Chance, sich neu zu besinnen", sagte Autiero.

Die Argumentation der Podiumsdiskussion zum Thema "Kirche und Missbrauch – Die Theologie darf nicht schweigen" im überfüllten Auditorium Maximum der Universität Münster war wesentlich differenzierter als jene in Talkshows und anderen öffentlichen Debatten der vergangenen Wochen. Sozialethikerin Heimbach-Steins etwa forderte die Kirche auf, alle Einzelfälle ernstzunehmen, zugleich aber den Begriff der "strukturellen Sünde" auf sich selbst zu beziehen. Die Verfehlungen in den eigenen Reihen könnten längst nicht mehr mit eigenen Mitteln gelöst werden. Deshalb sei Umkehr angesagt.

Indirekter Zusammenhang mit Sexualmoral

Moraltheologe Autiero betonte, es gebe zwar keinen direkten, aber einen indirekten Zusammenhang von kirchlicher Sexualmoral und Missbrauch. Für die katholische Sexualethik sei die Sexualität eine Handlung im klaren Kontext der Ehe mit dem klaren Ziel der Fortpflanzung gewesen. Diese herkömmliche Sicht habe die Dimension des Mensch-Werdens durch die Sexualität zu wenig ernst genommen. "Das Wachsen und Reif-Werden ist auf der Strecke geblieben", bemängelte Autiero.

Viele Menschen seien dadurch unreif geblieben, ja es habe geradezu eine "Infantilisierung der Sexualität" gegeben. "Mir bereitet Sorge, dass wir noch keine Sexualität vermitteln können, die Reifung ermöglicht", fügte der Moraltheologe hinzu. Die Theologie rief Autiero auf, in dieser Richtung weiterzudenken. Dabei brauche sie allerdings eine Atmosphäre, in der diese Arbeit "angstfrei, wertschätzend und ermutigend" möglich sei.

Die Diskussionsteilnehmer (v.l.): Marie-Theres Wacker, Thomas Schüller, Antonio Autiero, Moderatorin Viola van Melis, Marianne Heimbach-Steins, Judith Könemann und Reinhard Feiter.

"Neue Sprache" im Bezug auf Sexualität

Marie-Theres Wacker von der Theologischen Frauenforschung plädierte dafür, den Begriff "Missbrauch" durch "sexuelle" oder "sexualisierte Gewalt" zu ersetzen. Dass Prügeltaten gegenüber Jungen auch eine Form sadistischer Gewalt sein könnten, werde in der Kirche noch zu wenig in den Blick genommen. Allgemein aber sei die Sensibilität für die Gewalt zwischen Männern enorm gewachsen. "Die katholische Kirche braucht eine neue Sprache im Bereich von Sexualität", forderte Wacker. Die Frauenforscherin regte darüber hinaus an, homosexuelle Lebensformen als gottgewollt anzuerkennen.

Ihr Kollege Reinhard Feiter (Pastoraltheologie) kritisierte, dass das herkömmliche Bild des Priesters in unvorstellbarer Weise überhöht sei. In der Ästhetik und Pastoral sei er als derjenige, der der Sakramente, also das Heilige spende, selbst zum Heiligen gemacht worden. Der Pastoraltheologe appellierte an die Kirche, ergebnisoffen über die Ausbildung in den Priesterseminaren zu diskutieren. "Zugleich darf man sich aber auch keine Illusionen machen: Das Problem ist nicht durch ein paar neue Module in der Priesterausbildung aus der Welt zu schaffen", mahnte Feiter.

Forderung nach "Tabula rasa"

Während Religionspädagogin Judith Könemann die besondere Anfälligkeit von geschlossenen Systemen wie beispielsweise Internaten für Missbrauchshandlungen beschrieb, lobte Kirchenrechtler Thomas Schüller die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz und das konsequente Vorgehen vieler Diözesen, die momentan dabei seien, alle Akten und Personalarchive zu durchstöbern. "Die Bischöfe müssen jetzt Tabula rasa machen und alles auf den Tisch bringen", mahnte Schüller. Statt Entschädigungen zu zahlen, sollten sie den Betroffenen Therapien und Hilfen anbieten und ihre Familien dabei einbeziehen. Auch sei es dringend nötig, unabhängige Frauen und Männer zu Missbrauchsbeauftragten zu ernennen und keine Preister oder kirchlichen Amtspersonen.

Zuletzt nahmen die Diskussionsteilnehmer, die häufig starken Beifall aus dem Publikum erhielten, die Täter in den Blick. Schüller warnte davor, zu schnelle Urteile zu fällen. Auch für des Missbrauchs Verdächtige gelte die Unschuldsvermutung. Feiter räumte ein, dass die Kirche sich nicht einfach von den Tätern distanzieren könne, sondern stellvertretend deren Schuld übernehmen müsse. Moraltheologe Autiero ergänzte: "Mit der Unbarmherzigkeit des Rausschmeißens ist es nicht getan. Wir müssen über die Täter neu nachdenken."

Die Debatte unterstrich das ungeheure Interesse am Thema sexueller Gewalt in der Kirche. Sie bewies aber auch, dass sich über ein hochkomplexes Thema differenziert sprechen lässt – zumal das Publikum konzentriert zuhörte.  Zugleich zeigte sich, dass das Nachdenken über die Folgen des Missbrauchsskandals in den unterschiedlichen Bereichen von Theologie und Kirche gerade erst begonnen hat.

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  1. Öffnet internen Link im aktuellen FensterÜbersicht: Kindesmissbrauch

Text: Gerd Felder | Fotos: M.E. (Öffnet externen Link im aktuellen Fensterpixelio.de), pd
04.05.2010

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