
In einer Prozession wurde die Altarbibel in die katholische Kirche gebracht.
Evangelische Gemeinde fand Heimat in St. Nikolaus in Orsoy
Praktizierte Ökumene
Rheinberg-Orsoy. Mit gelebter Ökumene machen Orsoys Christen Ernst. Seit Februar nutzen Katholiken und Protestanten eine Kirche für ihre Gottesdienste. Symbolisch zog eine Prozession deshalb im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes aus der evangelischen Kirche Orsoys aus und in die weit geöffnete katholische Kirche ein. Der Hintergrund: Massive Schäden machen eine Grundsanierung des evangelischen Kirchenbaus erforderlich. Der Innenraum der evangelischen Kirche wurde, bedingt durch die Hochwässer verflossener Jahrhunderte, über eineinhalb Meter hoch aufgeschüttet. Jetzt wird die Kirche buchstäblich "tiefergelegt". Das nimmt einige Jahre in Anspruch.
Ein Ausweichquartier für die Gottesdienste der Orsoyer Protestanten gibt es nicht, aber eine ökumenische Lösung: Pfarrer Wolfgang Schmitz, leitender Pfarrer der Rheinberger Pfarrei St. Peter, und Hubert Peters, Pfarrer in St. Nikolaus (Orsoy), sagten ihrem evangelischen Amtsbruder Uwe Klein spontan zu, dass er mit seiner Gemeinde in der St.-Nikolaus-Kirche den Gottesdienst feiern könne. Seit Februar teilt man sich die sonntäglichen Gottesdienstzeiten: Um neun Uhr wird die katholische Liturgie gefeiert, um 10.30 Uhr feiern die Protestanten den Gottesdienst, gefolgt von ihrem Kindergottesdienst um 11.45 Uhr.
Für die Protestanten ungewohnt: Der Beichtstuhl, die Marienstatue, der Schnitzaltar und der Blumenschmuck sind für sie ein Sprung in eine andere Welt. Aber auch eine Chance. Denn so rücken Orsoys Christen näher zusammen. So sehen es die Pfarrer der beiden Gemeinden. "Man müsste solche Kirchenumzüge erfinden, damit die Ökumene wächst und gedeiht", sagt der evangelischer Pfarrer Uwe Klein. "Unsere Gemeinden – evangelisch wie katholisch – erfahren: Wir gehören zusammen, und das ist gut so." Unter den Klängen des Posaunenchors zog die Prozession aus der evangelischen in die katholische St.-Nikolaus-Kirche. Symbolisch wurde die Altarbibel aus Orsoy – begleitet von zwei Kerzenträgern – mitgetragen. "Das Wort Gottes ist das Wichtigste, das wir als Protestanten haben", sagte Klein. Der evangelische Pfarrer ist dankbar, dass die Katholiken unkonventionell ihre Kirche für seine Gemeinde öffnete.
"Spannend wird die gemeinsame Nutzung ein und derselben Kirche für zwei Gemeinden an den Feiertagen. Es schlagen zwei Seelen in meiner Brust: Auf der einen Seite die Freude, dass uns die katholische Gemeinde St. Nikolaus Gastfreundschaft gewährt und wir wie selbstverständlich unsere Gottesdienste dort feiern können", sagt er. "Auf der anderen Seite spüre ich den schweren Stein im Magen bei der Vorstellung, 'meine Kirche' verlassen zu müssen. Doch ich freue mich lieber, anstatt mich zu grämen."
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Text: Peter Bußmann | Foto: Peter Bußmann in
Kirche+Leben
01.03.2010
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