
Anni Klein, Liesel Jesse und Annerose Schmitz (v.l.) begleiten Trauernde, indem sie zuhören, Wege aufzeigen und neuen Mut schenken.
Das Geistliche und Kulturelle Zentrum berät Trauernde
Für Trauer gibt es keine Regeln
Kamp-Lintfort. Der Verlust und der Abschied eines geliebten Menschen bedeuten einen tiefen Einschnitt im Leben. Zurück bleibt die Trauer, bleiben Schmerz, offene Fragen und meist die Hilflosigkeit, mit diesen Empfindungen und Gedanken umzugehen.
Für die Zeit der Trauer gibt es keine Regeln. Jeder Mensch empfindet Trauer auf unterschiedliche Weise, für jeden ist sie ein individuelles Gefühl. Und gerade dieser Umstand macht es für Betroffene oft schwierig, sich anderen mitzuteilen. Sie stoßen auf Unverständnis und Ratlosigkeit.
Helfen können in solchen Situationen Menschen, die um den langen Weg des Trauerns wissen, die ihre Hände ausstrecken, um den Trauernden eine Stütze zu bieten. Im Geistlichen und Kulturellen Zentrum des Klosters Kamp in Kamp-Lintfort geschieht dies seit vielen Jahren. Drei Frauen bündeln dort ihre Erfahrungen und Kräfte, um Trauernde zu begleiten: Annerose Schmitz (60), Leiterin des Zentrums, Liesel Jesse (58), Pastoralreferentin der Kirchengemeinde St. Josef, sowie Krankenschwester Anni Klein (55). Zwei Mal im Jahr bieten sie Trauernden an acht Nachmittagen einen geschützten Ort: zum Reden und zur Besinnung.
"Die Menschen kommen zu uns wenn sie merken, dass sie allein nicht mehr weiterkommen. Und wenn Mitmenschen ihnen raten, sich helfen zu lassen", sagt Schmitz. Fast alle Altersgruppen sind vertreten. Die Jüngsten sind Mitte 20, die Ältesten älter als 90. Auch die Beweggründe unterscheiden sich, denn Verluste verschiedenster Art lösen Trauer aus: Scheidung, Trennung, der Tod eines Menschen, aber auch eines Tieres, das vorher zum Lebensmittelpunkt gehörte – Gründe, die den gewohnten Lebensrhythmus durcheinander bringen. In der Gruppe mit bis zu zwölf Betroffenen sprechen die Teilnehmer über ihre Situation. "Vieles geschieht von selbst", sagt Jesse. "Schnell merken die übrigen Kursteilnehmer, dass sie mit ihren Empfindungen nicht allein sind und gewinnen dadurch den Mut, ebenfalls über sich zu reden." Meist leitet eine der Frauen die Gesprächsrunde, die anderen beiden hören zu und beobachten. "Nicht jeder findet Worte für das, was er fühlt. Indem wir aufmerksam hinsehen, können wir oft erkennen, wie es dem Menschen geht", sagt Jesse.
Zurück zum Alltag?
Jede Art von Trauer findet in der Gruppe Platz. "Es gibt keine Bewertung von Trauer. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte, es geht nicht darum, diese in Kategorien einzuordnen", erklärt Klein. Was jedoch eindeutig ist: Trauer ist ein Prozess, ein Prozess mit verschiedenen Phasen, die jeder durchlaufen muss, um sich an dessen Ende dem Leben neu zuwenden zu können. Diesen Prozess begleiten die drei Frauen, sie erklären, vermitteln, verdeutlichen. Oftmals reichen wenige Schritte. "Viele Menschen haben Angst, den Verstorbenen zu verraten, wenn sie wieder beginnen, fröhlich zu sein. Wir ermutigen sie dazu", sagt Jesse.
Die Begründung dafür findet die Pastoralreferentin im Glauben. "Der Verstorbene kennt die Gedanken des Hinterbliebenen, er begleitet ihn und will, dass er sein Leben wieder genießen kann." Eine oft gemachte Beobachtung: Trauer über Monate oder Jahre zu zeigen ist nicht mehr gesellschaftsfähig. Es wird verlangt, sich schnell wieder in den normalen Alltag einzugliedern. "Ihnen wird vermittelt: Sie dürften nicht mehr weinen", sagt Schmitz. "Zunehmend fehlt der Rückhalt. Früher fand man diesen bei der Familie, den Nachbarn oder im Glauben. Doch die Familienmitglieder leben weit entfernt voneinander, und gerade junge Menschen erfahren den Glauben nicht mehr als tragende Kraft.
Deshalb bekommen die Teilnehmer der Gruppe Ratschläge, wie sie den Alltag besser bewältigen können. "Dafür sind bestimmte Rituale wichtig", sagt Schmitz. "Viele bedauern, dass sie dem Verstorbenen einige Dinge nicht mehr sagen konnten, wir lassen sie Briefe schreiben und denjenigen entscheiden, was er damit machen möchte", erläutert sie. Manche verbrennen diesen anschließend oder lassen ihn an einem Luftballon davonfliegen. "Danach erzählen uns viele, dass sie dieser Schritt befreit hat."
Die nächsten acht Nachmittage finden im Frühjahr statt. Informationen erteilt das Geistliche und Kulturelle Zentrum unter der Telefonnummer 02842 / 927540.
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Text: Jessica Rösner | Foto: Jessica Rösner in Kirche+Leben
16.11.2009
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