
Im Monat der Weltmission ist Father Raymond Aina aus Nigeria Gast des Hilfswerks Missio. Ingrid Sieverding, Vorsitzende des Ökumenischen Eine-Welt-Kreises, übersetzte seinen Vortrag. Begleitet wurde Father Aina von Ulrich Jost-Blome vom Referat Weltkirche im Bischöflichen Generalvikariat Münster.
Father Raymond Aina aus Nigeria sprach in Wolbeck
Geschichtsverständnis als Schlüssel zum Frieden
Münster-Wolbeck. Noch immer bestimmen Konflikte und Massengewalt den Alltag in Nigeria. Father Raymond Aina aus dem Ogun-Staat im Westen Nigerias hält "verletzte Gefühle, die in der Vergangenheit wurzeln" für die Ursache der heutigen Konflikte. Im Monat der Weltmission ist der Priester Gast des Hilfswerks Missio. Der Ökumenische Eine-Welt-Kreis St. Nikolaus in Münster-Wolbeck hatte ihn am Donnerstag (08.10.2009) zu einem Vortrag eingeladen.
"Wie kann es sein, dass Nigerianer sich gegenseitig töten? Sie sind doch alle Menschen." In einem Teufelskreis aus Angst, Zorn und Rache, der immer wieder zu Gewalttaten in der Bevölkerung führt, sei Nigeria gefangen, sagt Father Raymond. "Jede Volksgruppe muss mit ihrem Leid aus der Vergangenheit alleine fertig werden, ohne es einer anderen anzuhängen", fordert er. Problematisch sei vor allem, dass es keine allgemeine Übereinkunft unter den Nigerianern gebe, was die historische Faktenlage betreffe.
Für Gerechtigkeit eintreten
"Ich bin müde aufgrund der vielen Lügen und Halbwahrheiten, die über die Vergangenheit verbreitet werden", gibt Father Raymond seine Gefühlslage preis. Seine eigene Volksgruppe sei ebenso wie alle anderen ein Teil des Problems in Nigeria, wofür er sich schäme. "Wir müssen erkennen, dass das Böse kein Dämon ist, sondern in und um uns ist." Notwendig sei daher ein gemeinsames Geschichtsverständnis, um das Land zu befrieden.
Um diesen Frieden zu erreichen, sei zudem das Eintreten für Gerechtigkeit unter den verschiedenen Volksgruppen zentral. "Wenn die Gerechtigkeit im Land zunimmt, wird der Rückzug auf die ethnische Identität nachlassen", lautet seine These. Wenn die Menschen eine nationale Identität hätten, bräuchten sie keine schützende aber eben auch trennende, ethnische Identität mehr.
Aufgabe der christlichen Kirche müsse es daher sein, für diese Gerechtigkeit einzustehen und gegen die Armut im Land zu kämpfen. Dazu bedürfe es ebenso einer interkonfessionellen und ökumenischen wie einer interreligiösen Zusammenarbeit von Muslimen und Christen.
Traumatisiert durch Kriegsfolgen
Nigeria ist mit 150 Millionen Menschen das bevölkerungsreichste Land in Afrika. In 36 Bundesstaaten leben 350 Ethnien zusammen. Die Hälfte der Nigerianer sind Muslime, rund 40 Prozent sind Christen unterschiedlichster Konfession (davon 19 Prozent Katholiken). Die restlichen zehn Prozent sind Anhänger traditioneller afrikanischer Religionen. Obwohl Nigeria durch die Erdölvorkommnisse eigentlich ein reiches Land sein müsste, gehört es zu den 20 ärmsten und kriegerischsten Ländern der Welt.
Father Raymond Aina ist katholischer Priester und promoviert an der Universität Löwen in Belgien über das Problem interreligiöser Konflikte. Er gehört einer Generation an, die den Bürgerkrieg von 1970 ("Biafra-Krieg"), auf den viele der heutigen Konflikte zurückgehen, nicht bewusst miterlebt hat, aber durch die Folgen traumatisiert worden ist. Er arbeitet mit im Sachausschuss seiner Diözese für Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung. Nach seinem Studium will Father Raymond zurück in sein Heimatland gehen und die nachfolgende Generation im Dienst an Frieden und Gerechtigkeit unterrichten.
Neue Sichtweisen über Nigeria
Der Ökumenische Eine-Welt-Kreis St. Nikolaus Wolbeck e.V. (ÖWK) wurde 1990 in der katholischen Kirchengemeinde gegründet und 2004 zu einem ökumenischen Arbeitskreis erweitert. Derzeit hat der ÖWK etwa 160 Mitglieder und betreibt Projekte in Nigeria, Nepal und Indien. Finanziert werden die Projekte durch Spenden und Mitgliedsbeiträge sowie durch Zuschüsse des Entwicklungshilfeministeriums. Die Vorsitzende des ÖWK, Ingrid Sieverding, die auch den Vortrag von Father Raymond übersetzte, freute sich über die gute Resonanz der Zuhörer und neue Sichtweisen auf die Situation in Nigeria.
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