
Berthold Steeger, Diakon und Notfallseelsorger.
Interview mit Notfallseelsorger Berthold Steeger
Hilfe durch persönliche Zuwendung
Kleve. Bei tragischen Ereignissen wie in Winnenden stehen Notfallseelsorger oft im Mittelpunkt der Ereignisse. Doch auch im Alltag sind sie unermüdlich im Einsatz. Im Kreis Kleve seit zehn Jahren.
Kirche+Leben: Die Notfallseelsorge rückt bei dramatischen Ereignissen in den Blick der Öffentlichkeit. Auf der anderen Seite begleiten die Notfallseelsorger Menschen in Notfällen Tag für Tag. Was kennzeichnet die Arbeit der Notfallseelsorger im Alltag?
Berthold Steeger: Die Öffentlichkeit nimmt die Notfallseelsorger wahr, wenn bei Großschadensereignissen die Kameras im Scheinwerferlicht Bilder einfangen. Im Alltag geschieht die Notfallseelsorge eher im Stillen. Hier kommt es auf Dinge an wie: einen geschützten Raum bieten, Zeit haben, zuhören, schweigen, trösten, Nähe vermitteln und Halt geben.
Kirche+Leben: Mit welchen Problemen werden die Frauen und Männer konfrontiert?
Steeger: Es sind die Probleme und Nöte der Menschen, die in ihrem Leben zumeist plötzlich und unerwartet von Schicksalsschlägen betroffen sind: Notfallseelsorger überbringen zum Beispiel gemeinsam mit den Opferschützern der Polizei Angehörigen von Unfallopfern die Todesnachricht. Menschen erfahren, dass sich ihr Leben von einer Sekunde auf die andere völlig verändert. Notfallseelsorge wird außerdem angefordert bei Suizid, plötzlichem Kindstod, ungeklärten Todesfällen und anderen Situationen, in denen Betroffene dies wünschen, Polizei, Feuerwehr, Notärzte oder Rettungsdienst die Notwendigkeit erkennen. Unfallbeteiligte, Angehörige, Ersthelfer, Zeugen stehen oft unter Schock, können das Geschehene nicht fassen. Sie brauchen Menschen, die für sie da sind, und die sie manchmal im wahrsten Sinn des Wortes an die Hand nehmen und Schritt für Schritt begleiten in Situationen, in denen sie sich völlig überfordert fühlen.
Kirche+Leben: Welche Hilfen können die Notfallseelsorger den Betroffenen vermitteln?
Steeger: Da ist die persönliche Zuwendung, bei der alles zur Sprache kommen kann, was Betroffene bewegt: Leid, Fragen, Trauer, Wut, Selbstvorwürfe, Glaubenszweifel, Zukunftsangst, Ohnmacht, Verzweiflung, Erinnerungen, Hoffnung. Einen besonderen Stellenwert hat die Begleitung von Angehörigen beim Abschiednehmen von einem Toten. Wir helfen, indem wir die Angehörigen darauf seelisch vorbereiten, sie dazu ermutigen, wenn sie es möchten, den verstorbenen Menschen anzuschauen und ihn zu berühren, um seinen Tod wirklich "begreifen" zu können. Wir bieten an, mit den Angehörigen zu beten. Es folgen meist weitere Gespräche, oft erst nach Wochen oder Monaten, weil das Geschehene immer noch schmerzt, auch wenn inzwischen so etwas wie Alltag eingekehrt ist.
Kirche+Leben: Wie verarbeiten Sie die Katastrophen, die Sie erleben?
Steeger: Es kommt vor, dass mir Bilder, Begegnungen und Gespräche immer wieder in den Sinn kommen. Bei nächtlichen Einsätzen gelingt es mir zumeist nicht, mich anschließend wieder hinzulegen und weiterzuschlafen. Es braucht Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Hilfreich ist das Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen. Auch ist es gut zu wissen, wie man ganz persönlich einen Ausgleich findet, zum Beispiel durch einen langen Spaziergang oder durch Musikhören. Nicht zuletzt ist es wichtig, den Dienst der Notfallseelsorge immer wieder im Gebet zu überdenken und Gott um seinen Beistand zu bitten. Die Fürbitte für die Leidtragenden und für die Verstorbenen gehört dazu.
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