
Carl Möller, Rektor im Kloster Vinnenberg.
Interview über die Bedeutung der ökumenischen Telefonseelsorge
Am Menschen ausgerichtet
Vinnenberg. Carl Möller ist Priester des Bistums Münster und war 25 Jahre als leitender katholischer Geistlicher bei der münsterschen Telefonseelsorge engagiert. Seit Oktober hat er das Rektorat des neu entstandenen Klosters Vinnenberg im Kreisdekanat Warendorf inne. Im ehemaligen Benediktinerinnen-Kloster baut er derzeit zusammen mit einem Förderkreis ein neues geistliches Zentrum auf.
Kirche+Leben: Die Telefonseelsorge arbeitet ökumenisch. Warum?
Carl Möller: Die Telefonseelsorge Münster ist seit Gründung ökumenisch konzipiert worden. Damals wie heute war es das Anliegen beider Kirchen, ein niedrigschwelliges Angebot für Menschen in Not einzurichten und unmittelbare seelsorgerische Hilfe anzubieten, die erst einmal ganz und gar nicht nach der Konfession – heute auch Religion – fragt, sondern vielmehr konkrete Begleitung über ein Gespräch am Telefon anbietet. Die Telefonseelsorger und Seelsorgerinnen haben zwar einen christlichen Hintergrund als Basis für ihr Hilfsangebot, bleiben damit allerdings auch – wie es eine Selbstverständlichkeit innerhalb der bei uns zugrundegelegten Inhalte der Gesprächsführung ist – in der Grundhaltung des einfühlsamen Begleitens und nicht Leitens. Schon gar nicht erteilen sie voreilig Tipps beziehungsweise konkrete Ratschläge. Es ist wichtig, dass die Anrufenden ihren je eigenen Weg finden. Da in diesem Zusammenhang in der Regel die Glaubenssätze der einzelnen Konfessionen nicht im Vordergrund stehen, liegt eine ökumenische Zusammenarbeit sehr nahe.
Kirche+Leben: Welchen Stellenwert hat heute die Telefonseelsorge?
Möller: Die Telefonseelsorge – sowohl national als auch international vertreten – ermöglicht den in Not geratenen Menschen durch die so genannte Niedrigschwelligkeit einen unkomplizierten Zugang, Hilfestellung zu erhalten. Das heißt: Anonymität auf beiden Seiten, 24-stündige Erreichbarkeit , Gewährleistung der Schweigepflicht, der Anrufende kann zu jeder Zeit auflegen. Die Kompetenz der ortsansässigen Gemeindeseelsorger und Gemeindeseelsorgerinnen musste aufgrund der hohen Anforderungen, die heutige Problemstellungen bieten, geradezu automatisch zurückgehen, beziehungsweise es wird die Kirche vor Ort oft nicht mehr wahrgenommen.
Die Telefonseelsorge bietet aufgrund ihres profilierten und differenzierten Ausbildungsniveaus der Ehrenamtlichen eine angemessene Kompetenz. Nicht zuletzt dadurch genießt die Telefonseelsorge – wie die äußerst hohe Nachfrage beweist – bei den Ratsuchenden einen sehr guten Ruf. Diese Form der Seelsorge gehört bei beiden Konfessionen zu ihrem Kerngeschäft. Die evangelische ebenso wie die katholische Kirche in Münster betrachten diese Form der seelsorgerischen Beratung auch so und haben diese Beratungsstelle entsprechend ausgerüstet. Die Telefonseelsorge gibt also Antwort auf die wachsende Zahl derer, die auf vielfache Weise in Not geraten sind.
Kirche+Leben: Sie waren viele Jahre geistlicher Leiter der Telefonseelsorge in Münster. Welchen Stellenwert hat der christliche Glaube bei der Arbeit?
Möller: Die Telefonseelsorge Münster hat als einzige Stelle in Deutschland noch zwei Geistliche – evangelisch und katholisch – neben den anderen Hauptamtlichen mit jeweils zehn Wochenstunden. Es ist Aufgabe der Geistlichen, die christliche Ethik als Grundlage für eine kirchliche Beratungsstelle authentisch zu vermitteln durch unterschiedliche Angebote: Sie halten zum Beispiel eine Einheit über mögliche religiöse Fragen am Telefon – Schuld, Vergebung, Gebet, Sexualität. Sie sind für persönliche Gespräche zur Entlastung der Mitarbeiterschaft da, gestalten beispielsweise Tage der Einkehr und Stille als Möglichkeit. Sie sind also geistlich unmittelbar für die Basis da, anders als die Geistlichen, die den administrativen Bereich übernehmen. Die Telefonseelsorge kann ein ideales Feld für ökumenische Seelsorge sein. Sie kann durchaus modellhaften Charakter für ökumenisches Miteinander haben, da sie sich seelsorgerisch unmittelbar am Menschen ausrichtet und von theologischen Fragen konfessioneller Unterschiede weitgehend unberührt bleibt; gleichsam "Basisökumene".
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