
- Landwirt und KLB-Referent Ulrich Oskamp.
Interview mit Landwirt und KLB-Referent Ulrich Oskamp
Hauswirtschaft wieder lernen
Bistum. Über die Ursachen der Lebensmittelverschwendung und über Möglichkeiten, die Wertschätzung von Lebensmitteln zu erhöhen, sprach Kirche+Leben mit Ulrich Oskamp. Er ist Landwirt in Münster-Häger und Diözesanreferent der Katholischen Landvolk-Bewegung (KLB).
Kirche+Leben: Wenn alle in Deutschland weggeworfenen Lebensmittel auf eine Waage kämen, würde diese ein Gewicht von bis zu 20 Millionen Tonnen zeigen. Produzieren die Landwirte zu viele Nahrungsmittel?
Ulrich Oskamp: Auf den ersten Blick könnte man tatsächlich auf die Idee kommen, dass Landwirte zu viel produzieren. Angesichts der Tatsache, dass weltweit mehr als eine Milliarde Menschen hungern oder an Unterernährung leiden, ist diese Frage mit einem klaren Nein zu beantworten. Im Gegenteil! Aber wir müssen uns schon fragen, ob wir die richtigen Produkte am richtigen Ort produzieren. Hunger in vielen Teilen der Welt, Fehlernährung und Lebensmittelverschwendung hier – beides wäre vermeidbar. Beides ist ein Skandal. Hinzu kommt, dass in der Landwirtschaft zur Produktion von nachwachsenden Rohstoffen und zur Gewinnung regenerativer Energien immer mehr Flächen benötigt werden und wir in Deutschland durch Straßen-, Gewerbe-und Siedlungsbau täglich fast 100 Hektar wertvollen Ackerboden endgültig verlieren. Die Flächenverbrauchsuhr tickt unaufhaltsam, wie es scheint.
Kirche+Leben: Jeder zweite Kopfsalat und jede zweite Kartoffel wird schon bei der Ernte aussortiert. Worin liegen die Gründe?
Oskamp: In einer Überflussgesellschaft, in der wir nur noch elf Prozent unseres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, "leisten" wir es uns, nur genormte und optisch ansprechende Lebensmittel anzubieten. Die Normen bestimmt der Handel, die Früchte werden den Verpackungen angepasst und für das Auge des Kunden "aufgepeppt". Meine Frage an die Verbraucher wäre: Würden Sie beim Einkauf auf unsortierte oder krumme Kartoffeln zurückgreifen, wenn nebenan sortierte Ware liegt, egal ob diese etwas mehr kostet? Na also! Im Handel – nicht nur bei Lebensmitteln – ist fast alles genormt und muss "jung, frisch und schön" sein.
Kirche+Leben: Was geschieht mit der "aussortierten" Ernte?
Oskamp: Diese Frage kann man sicher nicht pauschal beantworten. Was auf dem Acker bereits aussortiert wird, wird in den Boden eingearbeitet und dem Nährstoffkreislauf direkt wieder zugeführt. Die meisten aussortierten Lebensmittel, die in den Handel gelangen, wandern heute über die Biotonne oder direkt von den Lebensmittelgeschäften in gewerbliche Biogasanlagen. Dort dient der "Abfall" wenigstens noch der Strom- und Wärmeerzeugung. Früher wurden Speiseabfälle auch als Viehfutter genutzt. Das ist aus seuchenhygienischen Gründen heute verboten.
Aussortierte Ware, zum Beispiel Kartoffeln oder Möhren, die von den Sortieranlagen des Landhandels oder der Genossenschaften nicht in die Vermarktung gelangen, werden von Landwirten abgeholt und an das Vieh verfüttert. Wir verfüttern beispielsweise aussortierte (nicht genormte) Möhren an die Kühe, das erhöht die Schmackhaftigkeit des Futters und deckt einen Teil des Vitaminbedarfs. Direkt auf der Müllhalde ohne Verwertung landet heute fast nichts mehr.
Kirche+Leben: Welche Möglichkeiten haben die Erzeuger, auf den Handel und den Verbraucher einzuwirken, dass auch eine "krumme" Gurke essbar und genießbar ist?
Oskamp: Das ist im Grunde ganz einfach. Der Handel müsste die Ware anbieten. Eine krumme Gurke ist im Regal genauso ansehnlich wie eine genormte. Sie braucht allerdings mehr Platz im Regal und in der Transportkiste. Bei krummen Kartoffeln oder zu großen oder zu kleinen Salatköpfen bin ich mir allerdings nicht sicher, ob der Kunde tatsächlich zugreifen wird. Dass eine "krumme" Gurke essbar und genießbar ist, weiß im Grunde jedes Kind. Woran es mangelt ist eher das Wissen um die Zubereitung von Nahrungsmitteln und der Umgang mit der Lagerung und der Haltbarkeit im Haushalt. Die abschreckende Wirkung von Mindesthaltbarkeitsangaben auf den Verpackungen kommt noch hinzu. Da sind meiner Meinung nach die Schulen und Elternhäuser gefragt, ihren Kindern diese Alltagskompetenzen zu vermitteln.
Kirche+Leben: Was ist zu tun, um die Wertschätzung von Lebensmitteln zu erhöhen?
Oskamp: Die Wertschätzung von Lebensmitteln hängt unmittelbar davon ab, ob sie uns im wahrsten Sinn des Worts lieb und teuer ist. Wenn wir mit der Verschwendung so weiter machen, die Früchte des Ackers immer mehr für Bioenergie und Viehfutter – auch für Haustiere – genutzt werden, weil die Wertschöpfung höher ist, werden Lebensmittel schon bald knapp und teuer. Experten raten, nur noch konsequent mit dem Einkaufszettel einzukaufen und sich bei Spontankäufen zu disziplinieren. Gemeinsame Mahlzeiten in der Familie, das Erlernen von Kochen und "Reste verwerten" gilt es wieder zu erlernen. Früher gab bei uns samstags immer den Eintopf mit den Resten der Woche, und das schmeckte nicht schlecht. Wir sollten unsere Großeltern befragen, was Knappheit bedeutet. Vielleicht hilft das.
Mehr zum Thema in kirchensite.de:
Die Wegwerfgesellschaft: Verschwendung von Lebensmitteln (20.02.2012)
KLFB-Sprecherin Sundrum beklagt fehlende Wertschätzung für Lebensmittel (20.02.2012)
Bistumshandbuch: Katholische Landfrauenbewegung (KLFB)
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Interview: Johannes Bernard | Foto: Privat in
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