
- Henric Peeters, Caritas Moers.
Interview mit Henric Peeters:
Die Armut hat zugenommen
Moers-Xanten. Henric Peeters, Chef des Caritasverbands Moers-Xanten, erläutert die Chancen und Grenzen der Tafeln.
Kirche+Leben: Die Zahl der Tafeln hat deutlich zugenommen. Was sind die Ursachen?
Henric Peeters: Dafür, dass in Deutschland in den letzten Jahren die Zahl der Tafeln stark zugenommen hat, gibt es zwei Gründe: Zum einen ist die materielle Not der Menschen größer geworden. Steigende Lebenshaltungskosten führen dazu, dass Menschen am Essen sparen müssen und ihren Bedarf an Lebensmitteln bei den Tafeln decken. Zum anderen sind immer mehr Freiwillige bereit, ihre Zeit und ihr Können direkt zur Linderung von Not einzusetzen. Wo geht dies besser als durch das Sammeln und die Ausgabe von Lebensmitteln?
Kirche+Leben: Inwieweit kann eine Tafel vor Ort den Menschen in sozialer Not helfen?
Peeters: Soziale Not hat viele Gesichter. Wenn Kinder ohne Pausenbrot in die Schule kommen oder wenn der Arzt bei Senioren Mangelernährung feststellt, wird soziale Not konkret sichtbar. Ansonsten versteckt sich Not. Nicht umsonst lautet ein alter Wahlspruch der Caritas "Not sehen und handeln"! Bei den Tafeln kann konkreter Not direkt und unmittelbar abgeholfen werden.
Kirche+Leben: Wo liegen Grenzen der Tafeln?
Peeters: Die Hilfe der Tafeln ist ein Anfang, bei dem wir nicht stehenbleiben dürfen. Es gilt nicht nur die Symptome zu bekämpfen, sondern auch die Ursachen von sozialer Not. Ein schlauer Kopf hat in Anspielung auf das Gleichnis des barmherzigen Samariters gesagt: "Wir als Kirche dürfen nicht nur die Wunden verbinden, wir müssen auch dafür sorgen, dass es keine Räuber mehr gibt!" So handelt die Caritas auch als Anwalt für sozial Benachteiligte, macht auf soziale Missstände aufmerksam, mischt sich also in Gesellschaft und Politik ein, um Veränderungen zu bewirken.
Kirche+Leben: Immer wieder gibt es Stimmen, die fordern, dass die von der Tafel ausgegebenen Nahrungsmittel mit der Sozialhilfe wieder verrechnet werden sollen. Werden Menschen in Armut dann nicht doppelt bestraft?
Peeters: Dass die materielle Hilfe der Tafeln auf den Leistungsbezug der Arbeitslosengeld-II-Bezieher angerechnet wird, ist gängige Praxis und durchaus mit dem geltenden Recht zu vereinbaren. Diesen Missstand aufzuheben, fordert die Caritas allerorten. Auch mit dem Argument, dass es keine verlässliche Hilfe der Tafeln gibt: heute gibt es Brot, morgen Gemüse und übermorgen gar nichts, weil zu viele Bedürftige kommen. Da darf es keine Verrechnung geben. Wir als Caritas werden auch keine Aufzeichnung anfertigen, wer wann wie viele Lebensmittel erhalten hat.
Kirche+Leben: Zunehmend macht die Caritas darauf aufmerksam, dass das Kurieren am Symptom nicht reicht. Was muss geändert werden, um die immer größer werdende Armut abzuwehren?
Peeters: Hauptursache wachsender Armut ist die konstant hohe Arbeitslosigkeit, häufig verursacht durch fehlenden Schulabschluss und beziehungsweise oder fehlende Ausbildung. Wenn dann zusätzlich eine Erkrankung, Behinderung oder das Merkmal "alleinerziehend" hinzukommen, liegt die Wahrscheinlichkeit, arm zu sein und es dauerhaft zu bleiben, bei fast 100 Prozent. An dieser Stelle müssen die Instrumente individueller Förderung und Begleitung zielgerichteter eingesetzt und nicht nach Kassenlage der Agentur für Arbeit beliebig geändert werden. Ziel muss es sein, Arbeit umfänglich zu fördern und nicht die Arbeitslosigkeit, gerade auch in Zeiten konjunktureller Schwäche.
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