
- Unser Archivbild entstand bei der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz 2011 in Paderborn. Es zeigt Plakate der Protest-Demonstration aus Anlass des Missbrauchsskandals in deutschen Bistümern.
Entschädigung und Folgen
Reidegeld: "Missbrauch offen thematisieren"
Bistum. Der Missbrauchsskandal hat die katholische Kirche erschüttert. Doch der Skandal mit dem Sichtbar-werden der grauenhaften Situation der Opfer und einem gravierenden Image-Schaden der Kirche blieb nicht folgenlos. Die Kirche ist wach geworden. Als einzige Großorganisation in Deutschland hat die katholische Kirche als Vorreiter eine Entschädigungsregelung festgelegt. Tätig wird die Kirche aber auch im Bereich der Prävention.
Sowohl was Entschädigungen als auch die Prävention angeht, laufen die Fäden im Bischöflichen Generalvikariat in Münster bei Pfarrer Jochen Reidegeld zusammen; er engagiert sich auch ehrenamtlich für das Netzwerk "Roter Keil" zur Bekämpfung von Kinderprostitution und Kinderpornografie.
Der stellvertretende Generalvikar beschäftigt sich mit den Entschädigungsforderungen von Opfern. Einige Dutzend Anträge liegen dem Generalvikariat vor. "Grundsätzlich glauben wir den Opfern, wenngleich wir natürlich die Plausibilität der Vorwürfe prüfen müssen, weil wir auch gegenüber den Priestern eine Verantwortung haben." Aber im Zweifel werde man den Betroffenen Glauben schenken und versuchen zu helfen.
Die Kirche zahlt Opfern sexueller Übergriffe bis zu 5.000 Euro, wenn diese ihre Ansprüche wegen Verjährung vor Gericht nicht mehr durchsetzen können. Zusätzlich übernimmt die Kirche die Kosten für eine Psychotherapie. In besonders schweren Fällen kann auch eine höhere Entschädigungssumme gezahlt werden. Obgleich Kritik an der Höhe der Zahlungen von einigen Opfern kam, hält Reidegeld die Entscheidung für richtig: "Wir wollten schnell handeln, damit die Betroffenen, die bereits sehr viel Leid erfahren haben, nicht noch länger warten müssen." Menschen seien durch Mitarbeiter der Kirche oder durch Ordensmitglieder in ihrer Intimsphäre verletzt und verwundet worden. "Ihr Vertrauen wurde missbraucht. Das kann man nicht ungeschehen oder wieder gut machen", stellt Reidegeld heraus.
Auch die Zahlungen könnten niemals das Leid ausgleichen: "Man kann tiefe Persönlichkeitsverwundungen nicht als Schadensfall gegenrechnen. Es kann nur eine Anerkennung und kleine Geste sein für das große Unrecht, das den Opfern widerfahren ist. Damit wollen wir die Ernsthaftigkeit unserer Haltung unterstreichen." Man wolle Opfern helfen, "dass sie die Chance erhalten, nach und nach ihrem Opferschicksal zu entwachsen und eine neue innere Freiheit und neue Lebensperspektiven zu gewinnen".
Wichtig ist Reidegeld das Thema Prävention beim Schutz der Kinder: "Es muss eine gute Sensibilität geben für Nähe und Distanz." Er wisse, dass bei vielen Haupt- und Ehrenamtlichen in den Gemeinden eine große Verunsicherung herrsche. Darum gelte es, Standards im Umgang mit Kindern und Jugendlichen aufzubauen, um so Sicherheit zu geben. "Es geht grundsätzlich darum, dass wir ein Klima schaffen, dass Missbrauch nicht in eine Tabuzone gerät. Je offener es thematisiert wird, umso größer ist die Abschreckung für Pädokriminelle."
Das Bistum orientiert sich hier an Standards wie sie in der staatlichen Sozialarbeit gelten, die etwa auch ein erweitertes Führungszeugnis vorsehen. "Wir müssen genauer hinschauen; auf diesem Auge dürfen wir nicht blind sein", mahnt Reidegeld. Darum erarbeiten die Bischöflichen Jugendämter in Münster und Vechta gemeinsam mit dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) auch Schulungen für Ehrenamtliche. In der Theologenausbildung steht das Thema Missbrauch ebenfalls auf der Tagesordnung, wie Reidegeld erläutert.
Mit Blick auf die zahlreichen Ferienlager von Pfarreien und Gruppen hält der Geistliche einen praktischen Tipp bereit: "Nehmt bei den Leitern nur diejenigen mit, die Ihr gut kennt." Erfahrungsgemäß versuchten Pädophile als Gruppenleiter an potenzielle Opfer zu kommen.
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Text: Norbert Göckener | Foto: Michael Bönte in
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