
- Pfarrer Meinolf Winzeler, Rheine.
"Es geht um das Leben"
Interview mit Pfarrer Winzeler zur Bestattungskultur
Rheine. Meinolf Winzeler ist Pfarrer in der Pfarrei Heilig Kreuz in Rheine.
Kirche+Leben: Kommen die Veränderungen der Bestattungskultur in der pastoralen Arbeit an?
Meinolf Winzeler: Wir bemerken das stark, auch in einer Stadt wie Rheine. Etwa bei den Urnenbestattungen, die stark zunehmen. Meist aus Sorge um die Grabpflege: Man hat keine Angehörigen oder möchte ihnen die Pflege nicht zumuten. So gibt es viele gesellschaftliche Veränderungen, die sich auf die Bestattungskultur auswirken – auch die Entfernung vieler Menschen vom christlichen Glauben. Die Verknüpfung eines Begräbnisses mit einer Eucharistiefeier etwa ist längst nicht mehr so verständlich.
Kirche+Leben: Erleben Sie durch diese Entfernung von der traditionellen Bewältigung eines Todesfalls eine Unsicherheit bei den Menschen?
Meinolf Winzeler: Ja, die ist sehr groß. In unserer Gesellschaft gibt es eine Tendenz, das Thema Tod weitgehend zu verdrängen. Auch wenn es durch die Hospizbewegung oder durch unterschiedliche Angebote der Trauerarbeit mittlerweile einen Gegentrend gibt. Im Allgemeinen aber beschäftigt man sich mit dem Tod erst dann, wenn er eingetreten ist. Und das hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass viele Menschen nicht mehr in einer regelmäßigen kirchlichen Praxis stehen.
Kirche+Leben: Wie reagieren Sie in Ihrer Arbeit?
Meinolf Winzeler: Wir sind bemüht, den Friedhof als einen Ort zu schaffen, der heilig und wohltuend ist. Die Menschen sollen dorthin gehen, um die wohltuende Wirkung des Raums und dessen Zeichen zu erfahren. Das gilt auch für die Trauerbegleitung: Die Menschen sollen den Weg mit uns als Trost empfinden. Das ist die erste Aufgabe.
Kirche+Leben: Wie eindeutig christlich dürfen Sie dabei noch sein?
Meinolf Winzeler: Das bleibt der Schatz, den wir einbringen wollen. Da haben wir überhaupt keine Hemmungen. Denn in dieser Grenzerfahrung geht es ans Eingemachte für die Menschen. Und da brauchen wir uns mit unserer christlichen Heilsbotschaft nicht zurückhalten. Wir bieten unseren Glauben mit seinen hilfreichen Inhalten und Ritualen an, sei es im Besuch bei den Angehörigen, in der Predigt oder am Grab.
Kirche+Leben: Wie reagieren die Menschen?
Meinolf Winzeler: In der Regel ganz offen. Auch jene, die sich von der Kirche distanziert haben, sind oft dankbar für die Stützen, die unsere Begräbniskultur gibt. Sicher ist das Spektrum zwischen Distanz und Nähe groß. Das bedeutet, dass der Seelsorger sehr sensibel in die individuell zu gestaltenden Situationen gehen muss.
Kirche+Leben: Wie weit muss sich der Seelsorger öffnen?
Meinolf Winzeler: Ich halte eine große Öffnung für sehr notwendig. Als Seelsorger brauchen wir gerade in diesen Situationen ein sehr weites Herz, um die vielen unterschiedlichen Lebenssituationen aufgreifen zu können, in denen wir Menschen begegnen wollen. Wir sollten da auch nicht werten zwischen "eher katholisch" oder "eher unkatholisch". Sondern zuerst danach schauen, wo der Verstorbene und seine Angehörige im Leben gestanden haben.
Kirche+Leben: Gibt es Grenzen?
Meinolf Winzeler: Immer dann, wenn unser Glaube uns skeptisch werden lässt. Etwa bei anonymen Urnenbestattungen, die wir aus der Überzeugung ablehnen, dass jeder Mensch mit seinem Namen in Gottes Hand geschrieben ist. Dafür gibt es aber kreative Lösungen, wie etwa unser zentrales Kreuz auf dem Urnengräberfeld, auf dem alle Namen der Verstorbenen geschrieben sind. Eine ähnliche Kreativität ist sicher auch bei vielen anderen Dingen gefragt, etwa bei der christlichen Symbolik auf den Grabsteinen oder bei persönlichen Elementen während der Trauerfeiern. Ich habe die Erfahrung gemacht, mit etwas Kreativität, mit dem wirklichen Bemühen, die Angehörigen zu verstehen und mit einer Sorgfalt in der Gestaltung der Liturgie lässt sich da viel erreichen.
Kirche+Leben: Können diese Momente missionarisch sein?
Meinolf Winzeler: Das werden sie unweigerlich, wenn die Menschen wirklichen Trost erfahren. Wenn sie erleben, dass Seelsorger und die Botschaft des Evangeliums wirklich helfen, wird das nicht ohne irgendwelche Folgen bleiben. Wir werden dadurch nicht das christliche Abendland wiederherstellen, aber an diesen Berührungspunkten des Lebens können wir die christliche Hoffnung für die Menschen prägnant formulieren. Wer weiß, was der Heilige Geist dann daraus macht?
Kirche+Leben: Was würde passieren, wenn christliche Trauerkultur verloren gehen würde?
Meinolf Winzeler: Es wäre ein Symptom für den Verlust von Menschlichkeit. Der einzelne Mensch würde eine wichtige Hilfe in der Trauerarbeit für alle Sinne verlieren. Ein Raum für zentrale seelische Prozesse wäre verloren. Trauerkultur muss bleiben, weil es um das Leben geht, das mehr ist als die Zeitspanne zwischen leiblicher Zeugung und leiblichem Tod. Deshalb steckt in der Trauerkultur so viel Lebensenergie.
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