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25.05.2013
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
Anna Katharina Emmerick

"Wie ein Kreuz am Wege"

Teil 2: Die Krankheits-Bewältigung der Anna Katharina Emmerick

Das Bistum erwartet die Seligsprechung von Anna Katharina Emmerick. Ihr vorbildliches Leben wurde oft schwärmerisch verzuckert und literarisch verkitscht. Hans-Josef Joest eröffnet einen unverstellten Blick. Er arbeitet drei Grundhaltungen heraus, die Anna Katharina Emmerick auszeichnen und heutigen Menschen lohnende Anstöße geben können, ihren Glauben zu vertiefen.

Im modernen Sozialstaat können die Bürger Ansprüche erwerben, etwa mit Beiträgen in die Rentenkasse. Wofür wir zahlen, darauf haben wir Anspruch. Bei nicht wenigen Menschen wird Anspruchsdenken zur bestimmenden Weltsicht. Besonders verbreitet ist der unausgesprochene Anspruch auf dauerhafte Gesundheit und einen  kurzen und schmerzlosen Tod.

Kein Joggingprogramm ist zu stressig, keine Wellnesskur zu teuer, kein Aufbaupräparat zu ausgefallen, wenn es körperliche Attraktivität und unbeschwertes Wohlbefinden verspricht.

Auflehnung und Annahme

Wie anders lief das Leben von Anna Katharina Emmerick ab! Zwar war sie in jungen Jahren gesund und leistungsfähig, doch die Rachitis aus der Kindheit zeichnete noch die erwachsene Frau; Mangelernährung und ständige Schmerzen prägten ihre Züge. Krankheiten waren für sie  lebenslange Begleiter.

Schon früh ließen Anna Katharinas Kräfte nach, zwang Schwäche sie ins Bett, bald schmerzte jede Bewegung. Für  Medikamente fehlte ihr das Geld. Eine regelmäßige ärztliche Behandlung konnte sie sich nicht leisten; sie musste sie entgegennehmen, ohne sie bezahlen zu können. Können wir von Anna Katharina Emmerick lernen, mit eigenem Leid umzugehen? Anna Katharina Emmerick wünschte sich keineswegs zu leiden, auch nahm sie Krankheiten nicht als gottgegeben hin. Während ihrer Bettlägerigkeit haderte sie zuweilen heftig mit ihrem Schicksal.

Kranke und Christus

Gegenüber ihrem Hausarzt unterschied sie in ihrer Einstellung zum persönlichen Leid zwischen Stunden der Annahme und Stunden der Auflehnung, zwischen Zeiten des Gottvertrauens und  Zeiten des Zweifels, ja der Verzweiflung. Dr. Wesener notierte über eine solche Situation: "Ach, sagte sie, ehemals hatte ich ein so festes Vertrauen auf Gott, dass ich mich um kein Leiden, war es auch noch so heftig, betrübte. Ich dachte: Herr, es kommt von Deiner Hand, und dann war mein Mut wieder da. Jetzt aber, wo ich hier liege und mir selbst nicht helfen kann, jetzt betrübt mich alles." Sie weinte.

Papst Johannes Paul II., dem die Schüsse eines Attentäters schwerstes Leid zugefügt haben und den die Parkinsonsche Krankheit zunehmend zeichnet, ruft eindringlich zum liebevollen Umgang mit kranken Menschen auf. Wer immer in den Kliniken, in Pflegeheimen oder in der eigenen Familie Kranke zu versorgen habe, der solle und dürfe in diesen Kranken "das Antlitz des leidenden und glorreichen Herrn erkennen". Das verdeutlichte der Papst in seiner "Botschaft zum Welttag des Kranken" vom Februar 2003.

Können wir ebenso von Anna Katharina Emmerick lernen, wie wir dem Leid anderer begegnen können? Sie hatte ein mitleidendes Herz und drückte dies einmal so aus: "Ich war so krank vor Mitleid." Mit-Leiden bedeutete für sie vor allem Mit-Leiden mit dem gequälten Jesus. Denn von dessen mitleidender Liebe zu den Menschen war sie tief überzeugt. Wer niedergedrückt ist, darf zu dem am Kreuz Aufgerichteten aufschauen. Leidenden Menschen den Gekreuzigten als Heiland nahe zu bringen, das beschreibt eine gläubige Haltung im Sinne von Anna Katharina Emmerick.

Ein Beleg dafür, wie sehr sie sich vom Leid anderer anrühren, ja erschüttern ließ, war ihr Weinen. Nie schämte sich Anna Katharina Emmerick ihrer Tränen des Mitleids. Anna Katharina Emmerick ließ fremden Schmerz an sich heran. Das Leid anderer ging ihr zu Herzen, mitfühlend wollte sie Gottes Liebe weiterschenken. Deshalb lebte sie mit dem leidenden Christus, deshalb litt sie mit Christus für gepeinigte und verzweifelte Menschen. Der Dichter Clemens Brentano sagte einmal über Anna Katharina Emmerick, sie sei "wie ein Kreuz am Wege".

Im Zeichen dieses Kreuzes wurde sie anderen zur Verkörperung der Liebe Gottes. Auch wenn der Körper der Bettlägerigen schwach wurde, wuchs die Kraft der Liebe in ihr. Dr. Wesener berichtete über die Begegnungen von Anna Katharina Emmerick mit verzweifelten Menschen: "Keiner ging ungetröstet von ihr."

Kreuz und Gnade

Den Leidenden wünscht Papst Johannes Paul II. diese Erkenntnis Gottes: "Er beruft euch dazu, Zeugen für das Evangelium des Leidens zu sein, indem ihr voll Vertrauen und Liebe auf das Angesicht des Gekreuzigten schaut und eure Leiden den seinen hinzufügt." Der Christ sei aufgerufen, "von der hoffnungsfrohen Wahrheit des auferstandenen Christus Zeugnis zu geben, der die Wunden und Schmerzen der Menschheit, den Tod eingeschlossen, auf sich nimmt und sie in Angebote der Gnade und des Lebens verwandelt".

Was Papst Johannes Paul II. in der Nachfolge des gekreuzigten und auferstandenen Christus als sinnvolle Krankheits-Bewältigung beschreibt: Anna Katharina Emmerick hat sie beispielhaft vorgelebt.

Schwäche und Kraft

Anna Katharina Emmerick fühlte sich ihren Mitmenschen im Leiden besonders verbunden. Diese Glaubenshaltung sah sie geradezu als ihre Berufung an. Als sie fast bewegungsunfähig im Bett lag, vertraute sie ihrem langjährigen Hausarzt Dr. Wesener an: "In meiner frühesten Jugend schon habe ich Gott gebeten, dass er mir die Kraft verleihen wolle, meinen Mitmenschen zu dienen und nützlich zu sein, und ich weiß jetzt, dass er meine Bitte erfüllt hat." Und sie fügte hinzu: "Indessen ist es gewiss, dass ich nicht allein für mich daliege und leide."

Leiden war für sie kein Anlass, wehleidig nur um sich zu kreisen. Bewusst akzeptierte sie das Leiden, und ebenso bewusst trug sie es mit Blick auf bemitleidenswerte Mitmenschen. Anna Katharina Emmerick hat Schmerz, Leid und Krankheit nicht gesucht, nie gewünscht. Wann immer die Schmerzen unerträglich wurden, hat sie sich gegen ihr Leid aufgelehnt, hat Linderung erfleht. Aber ihr Glaube ist am Leid nicht zerbrochen. Ihr Glaube wurde vielmehr zur Kraft, das Leid zu tragen, ihre Krankheit anzunehmen.

Gnade und Sinn

Den wachen Blick für den Nächsten vermochten auch die Schmerzen nicht zu trüben: Wie vielen Menschen hat die Kranke von ihrem Bett aus Trost zugesprochen und Mut gemacht! Schließlich vermochte sie es sogar, ihr Leid vor Gott zu tragen, damit es anderen Menschen zum Heil werde. Diese Kraft zum stellvertretenden Leiden fand sie offenbar im tiefen Verständnis der Nachfolge des Gekreuzigten, dessen Wundmale sie trug.

Anna Katharina Emmerick gelang damit die bewundernswerte Glaubenshaltung, ihr Leid in dem Bewusstsein zu tragen, auf diese Weise das Schicksal anderer Menschen erleichtern zu können. So bekannte sie einmal: "Ich habe es immer als eine besondere Gnade von Gott mir erbeten, dass ich für die leide und womöglich genugtue, die aus Irrtum oder Schwachheit auf dem Irrweg sind."

Leiden war für Anna Katharina Emmerick nicht sinnlos, auch wenn unerträgliche Schmerzen diese grundsätzliche Einsicht zuweilen auf eine harte Probe stellten. Ungeachtet mancher Prüfungen fand Anna Katharina Emmerick immer wieder zu der zuversichtlichen Erkenntnis, vor Gott habe ihre Krankheit, ihre körperliche Schwäche einen tiefen Sinn: "Ich weiß sehr gut, warum ich leide."

Ihre Schmerzen ertrug Anna Katharina Emmerick auch als Ausgleich für vielfältige Lieblosigkeit in der Welt. Sie akzeptierte ihre Krankheit im Blick auf andere Menschen, die verzweifelt, verbittert oder verblendet kein Vertrauen auf Gott setzen. Sie brachte in ihren Gebeten die Nöte anderer vor Gott. Ihr Arzt Dr. Wesener bestätigte ihre Haltung: "Die meisten Krankheiten nämlich waren freiwillige Übernahme der Leiden ihrer Freunde, die ihr ihren Kummer ausgeschüttet und sich in ihr Gebet empfohlen hatten."
Kann es eine intensivere Zuwendung zu hilfsbedürftigen Menschen geben, als für sie Leid zu ertragen und ihr Schicksal in sein Gebet einzuschließen?

Sein Leben lang von Schwäche gezeichnet zu sein, über Jahre nahezu bewegungsunfähig im Bett liegen müssen - für viele Menschen bedeutet dies eine fürchterliche Vorstellung. Mancher würde sogar von einem sinnlosen Leben sprechen. Darf man da fragen, ob Anna Katharina Emmerick glücklich lebte? Nach einem Besuch in Dülmen hat der Schriftsteller Achim von Arnim die Lebenshaltung von Anna Katharina Emmerick mit der des berühmten und weitgereisten Dichters Johann Wolfgang Goethe verglichen, der ein Vierteljahrhundert vor der Emmerick geboren wurde.

Gelingen und Glück

Achim von Arnim erlebte beeindruckt die "fromme Seele in Dülmen, die bei steten unsäglichen Schmerzen bei den Kindermützen, die sie nähte, von tausend Seligkeiten leuchtete, während Goethe mit zornigem Auge durchs Fenster sah und über die finsteren Nächte klagte". Im Wort Glück steckt die Wurzel Gelingen. In diesem Sinne führte Anna Katharina Emmerick ein gelungenes Leben aus dem Glauben.

Zur Person:
Anna Katharina Emmerick wurde am 8. September 1774 als fünftes von neun Kindern der armen Köttersfamilie Emmerick in Flamschen bei Coesfeld geboren; war zunächst Magd auf einem Hof; arbeitete dann als Wandernäherin; versuchte mehrfach gegen den Willen der Eltern in ein Kloster einzutreten; fand mit 28 Jahren Aufnahme im Kloster Agnetenberg in Dülmen; ihre letzten zehn Lebensjahre waren geprägt von schwerer Krankheit; sie trug die Wundmale des Gekreuzigten und hatte biblische Visionen; 49-jährig starb sie am 9. Februar 1824; das Grab von A. K. Emmerick ist in der Heilig-Kreuz-Kirche in Dülmen.


Text: Dr. Hans-Josef Joest, September 2003

Lesen Sie weiter in "kirchensite":
Teil 1: Die Alltags-Bewährung der Anna Katharina Emmerick -
"Ins Kloster, es gehe wie es wolle"

Teil 3: Teil 3: Die Eucharistie-Verehrung der Anna Katharina Emmerick -
"Wir achten die Gnade nicht" 

 

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